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Ludwigs Traumwelt

Diese Geschichte entstand in Anlehnung an das Buch:
>>König Ludwig II. von Bayern - in Augenzeugenberichten<<
Herausgegeben und eingeleitet von Rupert Hacker, erschienen im Karl Rauch Verlag.

Seit seiner Kindheit lebt Ludwig II. mehr in der Phantasie als in der Wirklichkeit. Während er der realen Welt feindlich gegenübersteht, schafft er sich mit Hilfe seiner überaus starken Einbildungskraft eine eigene Welt in seinem Innern. Einen bezeichnenden Beleg für seine Fähigkeit, sich eine nicht vorhandene Wirklichkeit zu erträumen, liefert ein Bericht des Grafen Tranttmansdorff vom Februar 1868:

Am Tage ist jetzt Photographieren seine Lieblingsbeschäftigung und in der Nacht das Reiten in der beleuchteten Hofreitbahn. Diese Reitübungen und die bizarren Nebenumstände, welche dieselben begleiten, bilden das vielfältig und böswillig kommentierte Stadtgespräch. Aber auch in seiner tatsächlichen Wahrheit gesehen und beurteilt, bietet dieser Zeitvertreib einen eigentümlichen Beleg zu dem Leben in Gedanken und Abstrahieren von der Wirklichkeit. Der König erfaßt dabei den Gedanken, die Reise an einen bestimmten Ort zu Pferde zu machen, berechnet die Distanzen im Verhältnis zum Umfange der Reitbahn und reitet dann mehrere Nächte hintereinander von 8 Uhr abends bis 2, 3 Uhr früh, gefolgt von einem Reitknecht, in der Bahn fort und fort rund herum, ein jedes Pferd so lang es gehen kann, hält nach einigen Stunden an und läßt sich in die Bahn ein frugales Souper bringen und reitet dann wieder weiter, bis er nach der Distanzberechnung an seinem Reiseziel angelangt ist. [...] Der Reitknecht, der letztlich mit dem Könige in der Reitbahn »von München nach Innsbruck« geritten war, erhielt für diese Begleitung eine goldene Uhr mit Kette.

Anregungen für seine träumerischen Phantasien findet der König zunächst in der Natur. Besonders Mondlicht und Mondlandschaften üben einen großen Zauber auf sein romantisches Gemüt aus. Luise von Kobell:

Der Mond war sein Gestirn, in dessen Silberlicht dünkte ihm die Natur wunderbar geheimnisvoll, zum Träumen und Sinnen geeignet. In seinem Schlafzimmer zu Hohenschwangau schien ein künstlicher Mond auf sein Bett, ein künstliches Firmament erglänzte an der Decke, imitierte Orangenbäume umstanden sein Lager, ein Wasserfall rauschte ihn in den Schlaf.

Tagebuchnotiz Ludwigs über eine nächtliche Schlittenfahrt:

Bei magischem Mondenschein durch den düstern, schneebedeckten Tannenwald!

Stallmeister Hornig an Hofsekretär Bürkel, Juli 1878:

Der Mond im hiesigen Schlafzimmer Seiner Majestät leuchtet nach Allerhöchstderen Aussage nicht mehr so schön wie früher. Euer Hochwohlgeboren möchten ihn reparieren lassen.

Überhaupt hat der König eine Vorliebe für Beleuchtungseffekte. Am 4. Juli 1865 schreibt Ludwig an Kabinettssekretär Pfistermeister:

Hier [in Hohenschwangau] habe ich gegenwärtig die herrlichsten Naturschauspiele und Lichteffekte und brauche keine künstlichen. Letztere wünsche ich am Sonnabende von 6 Uhr abends an mir vorgeführt zu sehen, und zwar Sonnenauf-und -Untergang, Mondschein, Regenbogen, elektrisches Licht, Donner, Blitz, Wind- und Wasserrausch-Maschine.

Jährlich läßt sich Ludwig mindestens einmal ein Feuerwerk vorführen und die Wasserfälle der Pöllat oder der Kainzen bengalisch beleuchten. In späteren Jahren genießt der König außerdem die farbigen Beleuchtungen in der »Blauen Grotte« bei Schloß Linderhof, die er sich als eine Mischung aus der Capri-Grotte und dem Venusberg Tannhäusers bauen und mit einem künstlichen See ausstatten läßt. Luise von Kobell berichtet:

Der königliche Grotten-Besuch, der meist nachts stattfand, hatte etwas Programmäßiges. Zuerst fütterte der Monarch zwei aus ihrem gewöhnlichen Domizil, dem Schloßbassin, herbeigeschaffte Schwäne, hernach bestieg er mit einem Lakai einen vergoldeten und versilberten Kahn in Form einer Muschel und ließ sich auf dem durch einen unterseeischen Apparat bewegten Wasser herumrudern.
Unterdessen hatten sich der Reihe nach die fünf farbigen Beleuchtungen abzulösen, jeder waren zehn Minuten zugemessen, damit der König den Anblick genügend genießen konnte. Phantastisch schimmerten Wellen, Felsenriffe, Schwäne, Rosen, das Muschelfahrzeug und der dahingleitende Märchenkönig. Wer aber hinter die Kulissen blickte, fand eine melancholische Prosa, einen abgehetzten Elektrotechniker, sieben von Arbeitern ständig geheizte Öfen, welche die Temperatur von 16 Grad Réaumur hervorbringen und unterhalten mußten, und dazu die riesigen, von der blauen Grotte allmählich verschlungenen Summen. Aber der König wünschte keinen Geschäftsbericht, indem er sagte: »Ich will nicht wissen, wie es gemacht wird, ich will nur die Wirkung sehen.« Diese steigerte sich noch regelmäßig am Schlusse der Programmabwicklung, dann glühte der Wasserfall in Rot oder Gelb, und ein Regenbogen wölbte sich über das Tannhäuserbild.

Auf Anordnung des Königs werden unzählige Versuche angestellt, um seine besonderen Vorstellungen von der blauen Beleuchtung der Grotte zu erfüllen. Die blaue Farbe der Beleuchtungsgläser wird am königlichen Hoflager zeitweise zum wichtigsten Problem, wie die folgenden Briefe des Stallmeisters Hornig an Hof Sekretär Bürkel zeigen:

19. März 1878 - Gestern wurde die Beleuchtung der Grotte wiederholt mit roten gebrannten Gläsern und mit Anilin-Blau überzogenen Platten, deren Guß ein viel dunklerer war, vorgenommen. Auf den weiß getünchten Stellen wirkten beide Farben eminent, zweifellos wird daher der Wille der Majestät erfüllt werden können.

19. Juni 1878 - Seine Majestät geruhten anzuordnen, daß in acht oder zehn Tagen Dr. Edelmann und Maler Stöger sich nach dem Linderhofe zu begeben haben, um die Beleuchtung der Grotte zu einem definitiven Abschluß zu bringen. Dieselben sollen mit ihren Versuchen nicht aufhören, bis das verlangte Blau richtig und haltbar hergestellt ist, worüber Seine Majestät dann eine Meldung erwarten.

21. August 1878 - Dr. Edelmann und Maler Stöger haben den Befehl erhalten, vorläufig noch im Linderhofe behufs neu vorzunehmender Proben zu verbleiben. Das Blau war der Majestät immer noch nicht tief genug; es wird dasselbe auch nach Aussage des Doktor Edelmann nicht in der befohlenen Weise herzustellen sein, wenn nicht die Grottenwände einen entsprechenden Anstrich erhalten.

8. Dezember 1878 - Die Beleuchtung gestern abends ist nicht schlecht ausgefallen; wenigstens ließen Seine Majestät dem sich in einer unbeschreiblichen Aufregung befindenden Stöger die Allerhöchste Anerkennung mit dem Beifügen aussprechen, daß die letzte Beleuchtung des Dr. Edelmann viel schlechter gewesen sei.

Trotz aller Versuche ist der König nicht zufrieden. Am 30. Januar 1880 teilt er dem Hofsekretär mit:

Nicht minder wie der Bau des Chiemsee-Schlosses und jener der Burg in Hohenschwangau liegt Mir die Beleuchtung der Grotte, wie sie sein soll, nicht wie sie ist, sehr am Herzen. Es ist dringend notwendig, daß diese Angelegenheit ganz anders angepackt wird wie bisher. [...] Im Laufe der letzten Jahre wurden nur Rückschritte statt Fortschritte gemacht, daß es eine wahre Schande ist. [...] Suchen Sie nun einen Mann aus, lassen Sie die Proben neu beginnen, im Mai muß alles vollendet sein, und zwar so, daß Ich damit vollständig zufrieden sein kann. Gelingt Ihnen das endlich, was längst hätte gelingen sollen, so gedenke Ich Sie im August zum Ministerialrat zu ernennen, wenn nicht, so auf gar keinen Fall; darauf können Sie sich gewiß verlassen!

Die Vorliebe des Königs für magische Beleuchtungen hängt damit zusammen, daß Ludwig überhaupt für theatralische und szenische Wirkungen ungemein empfänglich ist. Ludwig ist vor allem ein Augenmensch. Am Theater fasziniert ihn in erster Linie die Nachbildung der Wirklichkeit in Szenerie und Kostüm. Wenige Jahre nach seiner Thronbesteigung beginnt der König dann, sich die Kulissen für seine Tagträume auch außerhalb des Theaters zu schaffen. Ein Stück orientalischer Landschaft entsteht auf dem Dach des Festsaalbaus der Münchner Residenz mit dem riesigen Wintergarten, den sich Ludwig 1867 dort errichten läßt. Der Landtagsabgeordnete Friedrich Lampert beschreibt ihn folgendermaßen:

Aus dem Hintergrund leuchtete eine prachtvoll perspektivisch gemalte Landschaft aus dem Himalaya entgegen, die sogar, wenn man ihr ganz nahe trat, von ihrer Täuschung nichts verlor. Riesige Palmen von einer Schönheit und Stärke, wie sie uns noch nie in einem Warmhaus vorgekommen, neigten ihre breiten Blätter, ihr zartes Gefieder herab; die Tropen schienen ihr Bestes und Schönstes dem rauhen Gestade der Isar geborgt zu haben; prächtige Schlingpflanzen umzogen einen langen, in Spiegelung verdoppelten Gittergang. Durch diesen betrat der König unmittelbar aus seiner im Westpavillon des Saalbaues der Residenz gelegenen, nur aus wenigen Gemächern bestehenden, aber [...] mit der ganzen ihm unentbehrlichen Pracht ausgestatteten Wohnung den Garten. Rechts führte er ihn mit dem vollen Blick auf den See und jenen Gebirgshintergrund zu seinem Lieblingsaufenthalt in jener so hoch der Stadt und ihrem Treiben entrückten Region in die Grotte. In kühnem Aufbau wölbte sich diese, in ihrem Innern in träumerisches Dunkel gehüllt, von einem kleinen Wasserfall durchrauscht. Stundenlang saß hier der König weltverloren, den Phantasien nachsinnend, die ihn immer mehr und gefährlicher gefangennahmen. Wenn dann rings in den Blumenbeeten und unter den Bäumen und Sträuchern in denen sich auf goldenen Stäben bunte Papageien wiegten, die zahllos zerstreuten Lampen erglühten, verborgene Musik oder die glockenhelle Stimme einer Hofopernsängerin hinter den Büschen erklang und ihm im Halbtraum in dem vergoldeten Kahne auf dem von Seerosen bedeckten See der Schwanenritter vorüberzog, so kann man schon den allerdings eigentümlichen Genuß begreifen, der jenem in dieser Umgebung geboten schien.

Im Wintergarten - oder auch in einem seiner Landschlösser - läßt sich Ludwig gelegentlich von Mitgliedern des Hoftheaters vorsingen oder vordeklamieren. Dem Sänger Nach-baur dankt der König im März 1872:

Die von Ihnen so wundervoll gesungenen Melodien umschweben mich ständig, lassen mich die oft rauhe Wirklichkeit des Lebens vergessen und heben mich in eine selige wonnevolle Welt des Traumes [...].

Über einen Besuch im königlichen Wintergarten und eine Fahrt auf dem dortigen künstlichen See berichtet Nachbaur:

Wir bestiegen einen goldenen Nachen, den ein Diener schnell losband und sofort hinter Buschwerk verschwand, mit einem Schwan und zogen hin über die blauschimmernde Flut... Ich war wie vom Zauber befangen. Ein seltsames Gefühl, von dem ich mir keine Rechenschaft abzugeben wußte, überschlich mich, wie ich so in dem Schwanenschifflein mit dem König über den künstlichen See schwamm, und ich glaubte zu träumen. [...] Der König stand im Nachen hoch aufgerichtet und war wunderbar anzuschauen: die Augen leuchtend, die Lippen fest aufeinandergepreßt, die Wangen bald leichenblaß, bald flammenrot... Die Stunde wird mir unvergeßlich sein.

Seit Ende der sechziger Jahre errichtet sich Ludwig in seinen Schloßbauten die Szenerie für die beiden geistigen Bereiche, die seine Gedanken am meisten beschäftigen: die Welt des Mittelalters und die Welt der französischen Bourbonenkönige. Daß der Landesherr zugleich ein großer Bauherr ist, liegt in der Tradition des wittelsbachischen Hauses. Die Schlösser Ludwigs II. sind jedoch weder Wohn- noch Repräsentationsbauten, sie entstehen in der Einsamkeit der Berg- und Seenlandschaft ohne praktischen Zweck oder öffentlichen Nutzen. Sie dienen einzig der Wiederbelebung der Vergangenheit, in die sich Ludwig hineinversetzen will; sie sollen die Welt seiner Träume in der Realität erstehen lassen. Die Anregung zum Bau einer mittelalterlichen Burg gewinnt Ludwig bei einer Reise zur Wartburg im Jahre 1867. Als Platz wird eine Anhöhe bei Hohenschwangau gewählt, wo sich noch die Reste einer alten Burg befinden. Im Mai 1868 schreibt Ludwig an Wagner:

Ich habe die Absicht, die alte Burgruine Hohenschwangau bei der Pöllatschlucht neu aufbauen zu lassen im echten Stil der alten deutschen Ritterburgen, und muß Ihnen gestehen, daß ich mich sehr darauf freue, dort einst (in 3 Jahren) zu hausen; mehrere Gastzimmer, von wo man eine herrliche Aussicht genießt auf den hehren Säuling, die Gebirge Tirols und weithin in die Ebene, sollen wohnlich und anheimelnd dort eingerichtet werden; Sie kennen Ihn, den angebeteten Gast, den ich dort beherbergen möchte; der Punkt ist einer der schönsten, die zu finden sind, hellig und unnahbar, ein würdiger Tempel für den göttlichen Freund, durch den einzig Heil und wahrer Segen der Welt erblühte. Auch Reminiszenzen aus »Tannhäuser« (Sängersaal mit Aussicht auf die Burg im Hintergrunde), aus »Lohengrin« (Burghof, offener Gang, Weg zur Kapelle) werden Sie dort finden; in jeder Beziehung schöner und wohnlicher wird diese Burg werden als das untere Hohenschwangau, das jährlich durch die Prosa meiner Mutter entweiht wird; sie werden sich rächen, die entweihten Götter, und oben weilen bei Uns auf steiler Höh, umweht von Himmelsluft.

Der Bau der Burg Neuschwanstein zieht sich freilich länger hin, als Ludwig zunächst glaubt. 1869 wird der Grundstein gelegt, nur langsam wachsen die Mauern aus den steilen Felsen. Im Januar 1882 teilt der König Wagner mit:

Mit der neuen Burg zu Hohenschwangau geht es rüstig vorwärts, wenn auch die gänzliche Vollendung noch ziemlich lange auf sich warten lassen wird. Von den Wänden meiner Wohngemächer leuchten in recht gelungener Ausführung Bilder jener mir durch Ihre Verherrlichung, hochgeliebter Freund, so ans Herz gewachsenen Sagen herab: »Tannhäuser«, »Lohengrin«, ein Zyklus aus »Tristan und Isolde«, Walther von der Vogelweide, Szenen aus Hans Sachsens Leben sind dort zu schauen; Bilder aus der alten, durch Sie neu verklärten Nibelungen [sage] werden folgen. Der 4. Stock des hohen Palas, der Fest- und Sängersaal endlich, ist dem Zyklus aus dem Leben Parzivals geweiht und soll [18]83 vollendet werden.

Im Verlauf des Baues wandelt sich mit der Baugesinnung des Königs auch der Charakter der Burg: Ludwig faßt sie mehr und mehr als sakralen Bau, als »Gralsburg« auf und verknüpft damit die Gedanken an Entsühnung und Erlösung, die den mit seiner Natur im Kampfe liegenden König immer starker beschäftigen. In diesen Zusammenhang gehört auch die Einsiedlerhütte, die Ludwig 1877 im Wald bei Linderhof nach dem Vorbild der Einsiedelei des Gurnemanz in Wagners »Parsifal« errichten läßt, unweit von der bereits im Jahr vorher erbauten Hundingshütte aus Wagners »Walküre«. Aufschlußreich für den Gedankengang des Königs ist ein Brief an Wagner vom August 1877:

Ich begebe mich morgen wieder nach dem geliebten, traulichen Linderhofe auf einige Tage, um dort auf hoher Linde und im heimlichen, mitten im Walde gelegenen Hundingshause, das ich im vorigen Jahre erbauen ließ, in fesselnde Lektüre mich zu stürzen; im nämlichen Walde ließ ich diesen Sommer eine Einsiedlerhütte, an einen Felsen angelehnt, errichten, wie jene von Gurnemanz, nahe einer Wiese, die im nächsten Jahre zur blumigen Au sich verschönen wird; eine Quelle fließt dicht dabei, alles mahnt mich dort an jenen feierlich ernsten Karfreitagsmorgen Ihres wonnevollen »Parsifal«, der mit überwältigender Macht mir bis in die tiefste Seele drang und Tränen der heiligst reinsten Rührung mir ins Auge treten ließ, mir, der wahrlich das Weinen nicht gewohnt ist. Dort auf geweihter Stätte höre ich ahnungsvoll schon die Silberposaunen aus der Gralsburg erschallen; dort höre ich im Geiste die heiligen Gesänge aus Montsalvat vom unnahbaren Berge herniedertönen; dort ist mir so wohl zumute, bei jener Quelle, wo Parzival des wahren, echten Königtums Weihe empfing, das durch Demut und Vernichtung des Bösen im Inneren erworben wird, worin die wahre Gewalt liegt! dort, wo Kundry getauft ward und selig erlöst, im Tode des Fluches Ende fand, dort ist es gut sein und der Genuß des Versenkens in den Geist der altgermanischen und mittelalterlichen Dichtungen und Sagen ein erhöhter!

Neben der Götter- und Heldenwelt des Mittelalters nimmt in der Phantasie des Königs die Welt des französischen Ancien régime eine beherrschende Stellung ein. Seit 1867 üben der »Sonnenkönig« und überhaupt die Bourbonenkönige des absolutistischen Zeitalters eine immer stärker werdende Faszination auf Ludwig aus. In seiner übersteigerten Auffassung vom Königtum sieht Ludwig im französischen Absolutismus die ideale Verkörperung königlicher Macht und Majestät. Die seinen Namen tragenden Bourbonenkönige werden ihm zu mystisch verklärten Vorbildern. Mit unermüdlichem Eifer vertieft sich Ludwig in die Geschichte jener Zeit, wobei ihm seine Kabinetts- und Hofsekretäre behilflich sein müssen. Walter von Rummel, der Schwiegersohn Friedrich von Zieglers, berichtet:

König Ludwig las, wie schon erwähnt, sehr viel und aus allen möglichen Gebieten. Diese gesamte Lektüre mußte von Ziegler beschafft werden, ob es sich um mittelalterliche oder moderne deutsche Literatur, ob es sich um die verschollensten französischen Werke handelte. Vor allem mußten alle Bücher des 17. und 18. Jahrhunderts, welche die Zeit Ludwigs XIV. und XV. behandelten, zur Stelle. Da der König nicht alles selbst lesen wollte, hatte wiederum Ziegler über diese gesamte Riesenliteratur dem Monarchen die eingehendsten Vorträge zu halten, Auszüge aus den Riesenwerken Mercure de France, Mercure galant zu machen. Er selbst konnte die Arbeit nicht mehr bemeistern. Helfend sprang ihm seine Frau bei und fertigte für dieses Referat Auszug nach Auszug. Schon die Titel all dieser unzähligen Werke füllen ganze Bände.
Alle die französischen Ludwigs, der vierzehnte, fünfzehnte und sechzehnte, ihre Frauen und Maitressen, die Dauphins, der Prince de Condé, der Herzog von Berry, die Grafen von Artois und der Provence werden wieder aus ihrem Schlafe geweckt. Das gesamte, prunkhafte Hofleben jener Zeit wird heraufbeschworen, diese in Versailles und Fontainebleau abgehaltenen fetes galantes, Kavalkaden, Karussells, Ringstechen, großen Messen, Aufzüge, Illuminationen, Feuerwerke, Konzerte, Allegorien und ländlichen Schäferfeste. Dann das Theater, die tausend Tragödien und Komödien, bald lyrisch und bald heroisch, die divertissements, ballets heroiques, comedies héroi-féeries, ballets pantomimes, proverbes dramatiques, ballets tragi-pantomimes, pastorales. Aber nicht nur die Namen und Titel, sondern auch die Handlung und der genaue Inhalt dieser Stücke mußte erörtert werden.
Da soll ferner über die Orden vom heiligen Michael, vom Heiligen Geiste, vom heiligen Lazarus und vom heiligen Ludwig berichtet werden, über die Kirchengänge, Prozessionen und Te Deums, über Gesandten- und Kardinalempfänge, über Hirschjagden, über die Truppenrevuen der französischen Könige auf den Ebenen von Sablons und Marly, Moulin und Venette, im Park von Boulogne und im Marmorhofe zu Paris, über Grundsteinlegungen und Denkmalsenthüllungen.
Auch die unzähligen Balladen und Oden, die auf die französischen Könige gedichtet worden sind, die Bilder, die sie verherrlichen, die Statuen, die ihnen errichtet worden sind, kommen an die Reihe - und noch so manches andere. Kurz und gut - das ganze Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts steigt in seinem alten Glanz, in seiner schweren Pracht und schon vermodernden Üppigkeit wieder empor.

Da Ludwig das Königtum, das ihm vorschwebt, in der Welt der Wirklichkeit nicht realisieren kann, träumt er sich selbst in die Zeit der Bourbonenkönige hinein, so bei den berühmten nächtlichen Wagen- oder Schlittenfahrten:

Bei den Nachtfahrten Ludwigs II. durfte weit und breit sich niemand blicken lassen. Im Schloßhof herrschte tiefe Stille, die nur von dem ungeduldigen Scharren der am Schlitten oder Wagen angespannten Pferde unterbrochen war. Endlich erschien der König, zur Winterszeit fest eingehüllt gegen Wind und Wetter, eine blitzende Diamantagraffe auf dem breitkrempigen Hut, im Sommer leicht angezogen, bisweilen in dem blausamtenen Königsornat wie Ludwig XIV., mit dem er sich in seiner Phantasie dann und wann identifizierte. Der Marstallfourier sprengte voraus, die Zügel in der rechten Hand, die weithin leuchtende Fackel in der linken, mit Windeseile folgte das trotz steiler Gebirgswege vom Kutscher sicher geleitete Fahrzeug, zu dessen Seite der Stallmeister, im schärfsten Tempo.

Die hier von Luise von Kobell mitgeteilte Nachricht, daß der König sich gelegentlich wie Ludwig XIV. kostümiert, überliefert auch der gutunterrichtete Rittmeister Paul von Haufingen:

Nicht immer aber erschien der König bei solchen Ausflügen in der allerdings wenig malerischen Toilette der Gegenwart, oft schmückte ein Sammetbarett mit mächtiger weißer Straußenfeder sein Haupt, und ein blauer Sammetmantel schmiegte sich um seine stattliche Gestalt, während Piqueure, Kutscher und Lakaien im Kostüme der Zeit Ludwigs XIV. stolzierten.

Anläßlich einer nächtlichen Fahrt zum Fernstein im Januar 1886 schildert Theodor Hierneis, damals Küchenjunge in der Hofküche, den Schlittenzug Ludwigs:

Es war eine herrliche sternenhelle Winternacht, der König wählte für den Fernstein immer eine solche, weil er dorthin mit dem großen goldenen Schlitten fuhr. Voraus ein Vorreiter mit einer Laterne, die neben dem linken Steigbügel in einem Schaft befestigt war und an der Spitze einer ca. 11/2 m langen Stange Ihr Licht ausstrahlte. Der Schlitten wurde von vier Pferden gezogen, auf den Sattelpferden saßen zwei Reitknechte, die ebenso wie der Vorreiter in schwerem Rokoko-Kostüm blau- oder rotsamt gekleidet waren, mit weißen Zopfperücken, Stulpstiefeln und Schiffhüten. Das Geschirr der fünf Pferde bestand aus prunkvollen Schabracken, Sätteln und Zaumzeug, die Köpfe trugen wehende Straußenfedern, in der Farbe zu den Jockeis passend. Entweder bestand die Garnitur aus Schimmeln, dann war die ganze Ausstattung blau, oder der König befahl Rappen, dann wurde eine rote Garnitur gewählt. Die nächtlichen Fahrten glichen in ihrer blitzartigen Geschwindigkeit einem nächtlichen Spuk, einem Märchenbild, das den wenigen Augenzeugen ein unvergänglicher Anblick, ein überirdisches Begegnis war.

Zu dem Kult, den der König mit Ludwig XIV. treibt, gehört auch seine eigenartige Gehweise, die ihm wohl zum Teil angeboren ist, die er aber in Nachahmung des von Ludwig XIV. angewandten pompösen »Königsschrittes« noch besonders akzentuiert. Gottfried von Böhm:

Es sprach diese Gangart aller Natur Hohn. Weitausschreitend warf er seine langen Beine von sich, als ob er sie von sich schleudern wolle, und trat dann mit dem Vorderfuß auf, als wolle er mit jedem Tritt einen Skorpion zermalmen. Dabei streckte er den Kopf ruckweise seitwärts und senkte ihn dann automatenhaft auf die niedere Erde herab.

1867 notiert Böhm in sein Tagebuch:

Der König erregte am Fronleichnamstag durch seinen sonderbaren, alle Grenzen des Natürlichen überschreitenden Gang allgemeine Verwunderung. Es lag darin das Getränktsein von Herrschergefühl.

Aus den Erinnerungen des Grafen Lerchenfeld:

Ich war von 1871 an, durch meinen Dienst im Ausland zurückgehalten, wenig in München und sah den König fast nie. Als ich aber - ich erinnere mich nicht mehr des Jahres - einmal in der Hauptstadt war und durch die Gänge der Residenz in das Hoftheater gehen wollte, hörte ich plötzlich hinter mir ein starkes Stampfen; ich drehte mich um, da sah ich zwei Lakaien mit Fackeln kommen und hinter ihnen Se. Majestät, der bei jedem Schritt den Fuß bis zur Kniehöhe hob und dann mächtig auf den Boden fallen ließ. Ich war starr und erzählte im Theater einem Herrn vom Hofe, was ich gesehen hatte. Der lachte und antwortete: »So geht es schon lange. Er sagt, das zieme so dem König, das sei der Königsschritt.«

Eine besondere Verehrung bringt Ludwig auch der Gestalt der Königin Marie Antoinette entgegen. An Frau von Leonrod schreibt Ludwig im Juli 1874:

Maler Heigel lieferte jüngst ein in meinem Auftrage gefertigtes, für den Linderhof [...] bestimmtes Bild der Königin Marie Antoinette, welches wunderschön ausfiel. Eine Art von religiösem Kultus weihe ich dem Andenken dieser schönen, so tief unglücklichen Fürstin, welche aus allen Schicksalsschlägen geläutert hervorging und wahre Seelengröße zeigte, deren Natur so durch und durch erhaben und königlich war, auf dem ersten Thron der Christenheit gleich wie im tiefsten Elend. - Nie kann ich ihre Geschichte ohne Ergriffenheit lesen.

Bildern und Statuen Marie Antoinettes erweist Ludwig eine besondere Ehrerbietung. In dem Gutachten von 1886 über den Geisteszustand des Königs heißt es:

Herr Ministerialrat von Ziegler erwähnt, daß Seine Majestät vor einer Büste der Königin Marie Antoinette, welche auf der Terrasse des Linderhofes steht, stets das Haupt entblößte und deren Wangen streichelte, und der Marstallfourier Hesselschwerdt gibt an, daß im Linderhofe ein Bild sich befände (Welker meint, es behandle einen Stoff aus der Zeit Ludwigs XIV.), vor welchem Seine Majestät niederzuknien pflege, vor welchem auch Hesselschwerdt, die Hand wie zum Schwure gegen dasselbe erhebend, niederknien mußte, ohne dasselbe jedoch ansehen zu dürfen; auch [Kammerdiener] Welker erzählte von dem Bilderkultus Seiner Majestät und beschreibt insbesondere, wie der König vor einem Bilde, das eine Episode aus dem Leben der Königin Marie Antoinette darstellt, Zeichen der Verehrung mache, dann mit erhobenem gläsernem Blicke zuerst langsam, dann rascher rückwärts schreitend von dem Bilde sich entferne und schließlich wie im schmerzlichen Abschiede sich von demselben abwende.

Das Andenken der Bourbonenkönige beschwört Ludwig auch in seinem Tagebuch:

Que Dieu me sanctifie et la mémoire du Grand Roy Louis XIV [Möge Gott mich heiligen und das Andenken des großen Königs Ludwig XIV.].

Le 16 octobre [188 f], anniversaire du martyre de l‘auguste et noble Reine Marie Antoinette [...]. Que la mémoire du martyre et de la sainte mort de la grande Reine me donne la force à dompter le mal [Am 16. Oktober, dem Jahrestag des Martyriums der erhabenen und edlen Königin Marie Antoinette. Möge mir das Andenken des Martyriums und des heiligen Todes der großen Königin die Kraft geben, das Böse zu bezwingen].

Le 21 janvier [1886], anniversaire de l‘assassinat du Roy Louis XVI, journee à jamais lugubre et terrible [...]. Que Dieu ainsi que la mémoire de ces illustres Roys me donne la force à tenir mon serment [Am 21. Januar, dem Jahrestag der Ermordung des Königs Ludwigs XVI., einem ewig grausigen und schrecklichen Tag. Möge Gott ebenso wie das Andenken dieser erlauchten Könige mir die Kraft geben, meinen Schwur zu halten].

In der Phantasie des Königs sind die Bourbonenkönige sogar an seiner Tafel zu Gast. Theodor Hierneis:

Er [der König] will [beim Essen] niemanden um sich haben. Trotzdem müssen die Diners und Soupers immer für mindestens drei bis vier Personen ausreichen. Denn wenn auch der König sich immer allein zu Tisch setzt, so fühlt er sich doch nicht allein. Er glaubt sich in der Gesellschaft Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. und deren Freundinnen, Madame Pompa-dour und Madame Maintenon. Er begrüßt sie sogar mitunter und führt mit ihnen Gespräche, als hätte er sie wirklich als Gäste bei Tisch.

Auch im Theater möchte der König die Welt des französischen Ancien régime erleben. Schauspiele mit Stoffen aus dieser Zeit werden im Auftrag des Königs bearbeitet oder neu geschrieben. Als nach der Aufführung des von August Fresenius übersetzten Lustspiels »Der Fächer der Pompadour« der König seinen Hofsekretär Düfflipp, der die Separatvorstellung besuchen durfte, nach dessen Meinung fragt, antwortet dieser:

»Ich bitte E. M., mit meinem Urteil zurückhalten zu dürfen.«
»Nun, hat es Ihnen nicht gefallen?«
»Nein! gewiß nicht, und ich begreife nicht, wie E. M. an dergleichen Gefallen finden können.«
»Ich finde das Stück ja auch schlecht«, sagte der König, »aber es weht doch die Luft von Versailles darin.«
Bei der Aufführung solcher Theaterstücke kommt es dem König besonders auf die exakte Wiedergabe der geschichtlichen Begebenheiten an. Ernst Possart berichtet eine einschlägige Episode, die sich anläßlich der Aufführung des Schauspiels »Die Aufführung der Esther in St. Cyr« von Karl von Heigel ereignet:

Heigel verlangte für die Darstellung der Racineschen »Esther« in St. Cyr durch die jungen Damen jenes Instituts eine terrassenförmige, phantastisch beleuchtete Bühne, davor auf Lehnstühlen sitzend Ludwig XIV. und seine königlichen Gäste, die von England entflohene Königin Anna und der jugendliche Prinz von Wales, denen er ritterlich Asyl in St. Germain gewährt hatte; oben auf den Stufen aber die Darsteller des Assueros, Mardochai und der Esther. Heigel dachte sich diesen Akt im Garten von St. Cyr spielend, und ich entwarf die Szenerie in der Diagonale, damit dem König sowohl die darstellenden Personen auf dem Podium wie die davor sitzende Hofgesellschaft im Profil sichtbar bleiben konnten.

Der Eindruck des Aktes in dem von Lampions und Fackeln erhellten Garten war in der Tat wirkungsvoll. Ich glaubte, mein Bestes getan zu haben, als der König, der mir über die Darstellung des Louvois wiederholt während des Abends seine Anerkennung hatte ausdrücken lassen, am Schluß der Vorstellung mich benachrichtigen ließ, ich möge mich nicht zur Ruhe legen, er würde mir nach der Rückkehr in seine Gemächer unfehlbare Zeugnisse schicken, daß ich diesen Vorgang falsch inszeniert habe. Um Mitternacht erschien denn auch der Bote mit einem umfangreichen französischen Werke, aus dem zur Evidenz hervorging, daß die Aufführung der Racineschen »Esther« in der großen Eingangshalle des Erziehungsinstituts von St. Cyr und nicht im Garten gespielt habe, daß ferner dem König Ludwig XIV. zur Rechten der kleine Prinz von Wales, zur Linken die Königin von England gesessen sei, der sich wiederum links die Dauphine und der Herzog von Orleans angeschlossen. Auf dem Chor an der Seite rechts und links hätten die nicht beschäftigten Damen von St. Cyr mit ihren Lehrerinnen Platz genommen, hinter dem König und seinen Gästen die Damen und Herren des französischen Hofes, in genau bestimmter Rangordnung.

»Können Sie mir bis übermorgen die Szene so herstellen, daß sie dem historischen Vorgang entspricht?«

Der Diener wartete, ich las und schrieb Seiner Majestät, daß es mir mit Hilfe unserer trefflichen Maler [...] wohl gelingen werde, seinen Wunsch zu befriedigen. Allerdings ständen der gewünschten Inszenierung technische Bedenken entgegen, weil dabei Ludwig XIV. und die Königin von England durch die hinter ihnen stehende Hofgesellschaft vollständig verdeckt würden und Seine Majestät demnach von den beiden Hauptfiguren des Dramas in dieser Szene bloß den Rücken und die Allongefrisur zu sehen bekäme. Der Bote kehrte mit meinem Bericht in das Schloß zurück, und frühmorgens um 3 Uhr erhielt ich die Antwort:

»Es ist vollkommen gleichgültig, ob Ludwig XIV. und die Königin von England in dieser Szene von mir gesehen werden oder nicht; ich will nur den historischen Vorgang wahrheitsgetreu dargestellt wissen.«

Vor allem aber sind die Schlösser Linderhof und Herrenchiemsee Ausdruck der Bourbonenverehrung Ludwigs II. Im Graswangtal bei Oberammergau, wo ein königliches Jagdhaus neben dem alten bäuerlichen Linderhof steht, bestimmt der König Ende 1868 den Bauplatz für ein Landschloß im Stil Ludwigs XIV. Am 28. November läßt er Hofsekretär Düfflipp wissen:

Ludwig XIV. baute sich, um dem ermüdenden Leben, dem Zwange des lästigen ewigen Einerlei des Hofzeremoniells zu entgehen, das in den Prachtgemächern des Königs-Tempels zu Versailles ihn einengte, das Lustschloß Trianon. Als dieses sich auch zu palastartig vergrößerte, ließ er sich das einsame bescheidene Marly bauen, um dort für kurze Zeit aufzuatmen nach den Mühen des repräsentativen Lebens. - Ich möchte nun in der Nähe der am Linderhof zu errichtenden Kapelle ebenfalls einen kleinen Pavillon mir erbauen und einen nicht zu großen Garten im Renaissance-Stil mir anlegen lassen, alles nach bescheidenen Dimensionen. Für mich brauche ich nur drei etwas reicher und eleganter ausgestattete Zimmer, die nötigen Dienstwohnungen sollen natürlich ganz einfach werden. Das Ganze wird ganz allerliebst sich ausnehmen; der Plan ist fertig, und wie Minerva fix und fertig aus Jupiters Haupt sprang, so kann sogleich, wenn ich Ihnen alles genau angegeben haben werde, zur Zeichnung der Pläne geschritten werden. Dann soll man sogleich mit den Vorarbeiten beginnen und viele Menschen auf einmal beschäftigen. Denn gerade diesen Plan möchte ich betrieben wissen, ein Juwel, das in seiner Art einzig ist, soll daraus werden.

1869 wird der Bau von Schloß Linderhof begonnen, 1878 abgeschlossen: es ist das einzige von den größeren Bauwerken Ludwigs II., das vollendet werden kann. Noch vor dem Baubeginn schreibt Ludwig an die Baronin Leonrod:

Oh, es ist notwendig, sich solche Paradiese zu schaffen, solche poetischen Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann.

Schon seit 1868 plant Ludwig auch die Errichtung eines Schlosses, mit dem das Schloß von Versailles in seinen wichtigsten Bauteilen nachgeahmt werden soll. Den Zweck dieses Bauwerks bezeichnet der König mit den Worten:

Es soll gewissermaßen ein Tempel des Ruhmes werden, worin ich das Andenken an König Ludwig XIV. feiern will.

Im August 1874 unternimmt Ludwig II. eine Reise nach Paris, bei der er das Versailler Schloß eingehend besichtigt und sich im Park die Wasserspiele vorführen läßt. Unter dem 25. August vermerkt der deutsche Botschafter Fürst Hohenlohe in seinem Tagebuch:

Der König war [...] im Park von Versailles, wo die Wasser sprangen. Er hatte sie um 11 Uhr bestellt. Das Publikum war anständig, nur einige Versailler Jungen wurden arretiert, die sich damit unterhielten, hinter dem König dessen Gang nachzumachen.

Einige Wochen nach dieser Reise schreibt Ludwig seinem Flügeladjutanten Graf Dürckheim:

Stets werde ich auf dieses Jahr beglückt und zufrieden wie auf kein anderes zurückblicken. Wie an einen wundervollen Traum gedenke ich meiner Reise nach Frankreich, des endlich erschauten angebeteten Versailles.

Ab 1878 entsteht auf der Herreninsel im Chiemsee, die der König fünf Jahre früher angekauft hat, das neue Versailler Schloß. Als Denkmal der absoluten Monarchie hat das riesige Gebäude zwei Mittelpunkte, die in Versailles die Zentren der höfischen Zeremonien waren: das Paradeschlafzimmer und die große Spiegelgalerie. Auch Schloß Herrenchiemsee ist, wie alle Bauten Ludwigs II., in erster Linie das Werk des Königs selbst, der seine Schlösser von der Gesamtplanung bis in die kleinsten Einzelheiten nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten läßt. Dabei geht es dem König wieder in erster Linie um historische Treue. Zur Veranschaulichung einige Briefe Hornigs an Bürkel aus dem Jahre 1877:

7. Dezember 1877 - Im Schlafzimmer des Versailler Schlosses sind in den Ecken große vergoldete Waffentrophäen angebracht, die Seine Majestät bei der Zeichnung des Herrn Direktor von Dollmann, das Schlafzimmer auf Herrenchiemsee darstellend, vermissen. Herr von Dollmann soll sich schriftlich äußern, ob diese Trophäen im neuen Schlafzimmer nicht auch anzubringen sind oder ob er dieselben störend, zum Beispiel nicht zum Plafond passend oder zu den Figuren auf dem Friese, findet.

15. Dezember 1877 - Leider muß ich Euer Hochwohlgeboren mitteilen, daß Schwoisers Reiterstatue gar nicht entsprochen hat. Der König ist zu wenig ähnlich, die Züge desselben zu wenig ausdrucksvoll. Das Alter des Königs soll beiläufig vierzig Jahre sein. Der Hut desselben ist zu klein. Es soll ein anderer Maler den Auftrag erhalten, diese Statue zu entwerfen, weil Schwoiser so wenig Talent hierzu gezeigt hat.

24. Dezember 1877 - Leider ist die Türzeichnung des neuen Schlafzimmers wieder nicht nach Allerhöchstem Wunsche ausgefallen. Als Korrekturen gaben Seine Majestät an: Im ganzen genommen sei sie nicht reich genug. Die Strahlen der Sonne seien nicht fein genug gemalt. Das Gesicht der Sonne habe nicht genug Ähnlichkeit mit jenem auf den Versailler Türen, namentlich wären die Haare nicht so wie dort geordnet. Um die Sonne herum befindet sich zuviel Weiß, überhaupt würde es reicher aussehen, wenn die Reliefverzierung[ew] in Gold auf goldenem Grund geschnitzt würden. Das bayerische Wappen darf nicht auf die Türen und auch sonst nicht im Schlafzimmer angebracht werden, und der Hubertusorden muß in derselben Weise die Türe zieren wie die Felder jener in Versailles der vom Hl. Geiste.

Die Reiterstatue Ludwigs XIV., zu meinem Leidwesen muß ich es ebenfalls berichten, entsprach auch zum dritten Mal nicht und muß wiederholt gezeichnet werden. Der König ist nicht ähnlich genug. Vielleicht kann Maler Benczur diese gestellte Aufgabe zur Zufriedenheit lösen, weil er auf seiner jüngst gelieferten Skizze das Gesicht des Königs so charakteristisch wiedergab. Alter des Königs vierzig Jahre. Ferner ist die Fußhaltung des 14. Ludwig nicht richtig. Es existiert ein Werk über französische Münzen, auf welchen die Büste Ludwigs XIV. sprechend ähnlich ist, dieses Werk soll als Vorlage dienen.

Nur wenige Auserwählte dürfen die Schlösser des Königs sehen, im übrigen sind sie der Außenwelt verschlossen. Kabinettssekretär von Ziegler sagt später aus:

Die Schlösser, wie Hohenschwangau, Linderhof, Chiemsee, wurden von Seiner Majestät als geweihte Stätten betrachtet und behandelt. Sie durften vom Volk nicht gesehen werden, weil »der Blick des Volkes sie entweihen, besudeln würde«.

Der Historiker Karl Alexander von Müller urteilt über die Bauten Ludwigs II.:

Man weiß, daß alle diese Schlösser im Gedanken, in der Gesamtanlage, ja bis in jede einzelne Kleinigkeit seine Schöpfungen sind, die Künstler nur Vollstrecker seines ungeduldigen Willens. Im ganzen, rein sachlich, eine große Arbeitsleistung, Zeugnis einer außergewöhnlichen Tatkraft. Herrlich ist bei allen die Lage, die seinen tiefen künstlerischen Natursinn offenbart, mit königlichen Ausblicken in Berge und Wälder, Seespiegel und Sonnengold; in allen auch zeigt sich sein angeborener dekorativer und theatralischer Schwung; sein Zurückgreifen auf Rokoko und Barock, das seine eigene Zeit ihm so verdachte, verrät den instinktiven Sinn für das Höchste, was dieses Land je an bildender Kunst hervorgebracht hatte. Sein Unglück war, daß seine Bauleidenschaft in eine Zeit fiel, die künstlerisch aus zweiter Hand lebte - man muß seine Schlösser neben die Bauten der Gründerzeit stellen, um ihnen gerecht zu werden; auch ist die reiche Anregung nicht zu vergessen, die er weitum dem Münchner Kunstgewerbe gab, das später wieder zum Weltruf aufstieg, wie auch die Blüte des Münchner Theaters noch lange von seiner Bühnenleidenschaft befruchtet war; ja sogar die bodenständige Münchner Baukunst der sogenannten Seidl-Zeit ist ohne ihn kaum zu denken. Ihn persönlich fesselte vor allem das Gesamtbild, das Gegenständliche, das sein Gebot aus der Vergangenheit heraufbeschwor. Wenn man durch seine Schlösser geht, geht man durch seine Seele, von den romantisch-ritterlichen Träumen des Knaben bis in die Weltflucht des Königs von Gottes Gnaden in einer völlig verwandelten Welt.

Majestätische Traumspiele eines völlig Vereinsamten! In der großen Sängerhalle in Neuschwanstein haben sich nie Sänger um einen König versammelt; das Bild der Venus auf Linderhof hat nie einen Liebenden gesehen, die Prunkräume auf Herrenchiemsee nie einen wirklichen Hof. Einsam stand der Herr dieser Schlösser in dunklen Nächten auf dem schmalen Eisensteg, den er unweit von Neuschwanstein berghoch über der donnernden Pöllat ausgespannt hatte, und sah die Hunderte von Lichtern aufglänzen in seiner menschenleeren Burg; einsam erhob er im stillen Graswangtal die Hand zum Gruß vor der kalten Marmorstatue Marie Antoinettes; einsam schritt er, inmitten einer betäubenden Blumenfülle, durch die Spiegelsäle von Herrenwörth, und der zauberhafte Glanz ihrer zweieinhalbtausend Kerzen beleuchtete nur eine geträumte Gesellschaft von Toten.

Je mehr der König in seiner Traumwelt versinkt, desto vollkommener verschließt er sich der Öffentlichkeit. Nur wenige Menschen bekommen den König in seinen letzten Lebensjahren zu Gesicht. Am 24. August 1879 frühmorgens kann Felix Philippi zwischen Garmisch und Partenkirchen den König beobachten, der sich auf dem Weg zum Bergbaus auf dem Schachen befindet:

Wer diesen Mann einmal gesehen hat, wird es nie vergessen! So absonderlich, wie sein Leben, sein Tun und Lassen, war sein Äußeres; seine Erscheinung entsprach vollständig seiner Lebensführung, seinem Wesen und seinen Handlungen. Er hätte gar nicht anders aussehen können! Alles an ihm war eigentümlich bis zur Groteske, war originell bis zur Bizarrerie, war theatralisch, war Schaugepränge, war ganz und gar ungewöhnlich. So ungewöhnlich, daß er unter einer vieltausendköpfigen Menge als ein einziges in seiner Art, als etwas - ich möchte sagen - ohnegleichen hätte auffallen müssen. Er glaubte sich doch in diesem Augenblick vollständig unbeobachtet, er gab sich doch ohne Absicht und Effekthascherei, und dennoch: welche Pose in Haltung und Gang bei jeder Bewegung und jeder Gebärde! Die Unnatur war ihm zur zweiten Natur geworden. Wenige Schritte von mir blieb er stehen, er nahm den weichen Hut, dessen weit ausgeschweifte Krempe ein in der Sonne funkelnder Brillantstern zierte, ab, und ich sah diesen merkwürdigen Kopf mit dem sehr kunstvoll gekräuselten Haar und dem absichtlich stilisierten Bart. Diese einst so idealen, für einen Mann wahrhaft unwahrscheinlich schönen Züge, welche sein naives Volk zu schwärmerischer Anbetung begeistert hatten, waren bei dem erst Vier-unddreißigjährigen schon arg verwischt. Nur die hellblauen Augen, die er zu den Bergriesen emporrichtete, erzählten noch von dem Glanz und der Unschuld der Jugend! So stand er schwer atmend eine Weile da, den Kopf nach hinten geworfen. Der ruhte auf einem Körper von ungewöhnlicher Größe und für seine Jahre nicht minder ungewöhnlichem Umfang. Trotz der sommerlichen Wärme in einen dicken Wintermantel gehüllt, ging er langsam weiter. Er ging eigentlich nicht, wie andere Menschenkinder gehen, er trat auf wie ein Schauspieler, der in einem Shakespeareschen Königsdrama im Krönungszuge erscheint, in scheinbar einstudiertem Takt mit jedem seiner gewuchtigen Schritte den weit nach hinten gelehnten Kopf bald nach rechts, bald nach links werfend und mit ausladender Bewegung den Hut vor sich haltend. Am Kirchhof in Partenkirchen stieg er in die dort wartende goldstrotzende hellblaue Karosse, die gleich Zirkuspferden mit Federbüschen aufgeputzten und kostbar geschirrten vier Schimmel zogen an, und er entschwand meinen Blicken. Ich habe ihn bis zu seinem tragischen Ende noch einige Male gesehen; aber am stärksten tönt doch in mir jene erste Begegnung fort, lebt in mir noch die Erinnerung an das majestätische Bild, auf welches krankhafter Stolz, krasse, nicht mehr mit Wirklichkeit rechnende Überhebung und bis zur Sinnesverwirrung gesteigertes Bewußtsein des Gottesgnadentums ihre trüben Schatten warfen! Mit dem unabweislichen Gefühl: »dieser Mann denkt und fühlt nicht mehr richtig!« ging ich nach Haus.

Gottfried von Böhm begegnet dem König zum letztenmal im November 1880:

Er schritt aus dem hinteren Tor der Residenz dem Mar-stallplatze zu. Das war der eigentümliche Gang, die bekannte Haltung des Kopfes, der Typus, den die neueren Büsten von ihm wiedergaben, es war dies alles, allein ich hatte den König so lange nicht mehr gesehen, daß ich zweifelte und zögerte zu grüßen. So erging es auch anderen Vorübergehenden, die unentschlossen auf der Straße stehenblieben und ihm nachsahen. Der Himmel war trüb, und der Tag ging zur Neige. Der König, bleich und finster, befand sich im Einklang mit dieser Stimmung, und der Eindruck, den er auf mich hervorbrachte, war beinahe der des Schreckens. Es lag etwas Unheimliches in der Art, wie diese Majestät sich mit schweren Schritten dahinbewegte.

 

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