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Des Königs letzte Tage
Des Königs letzte Tage

Die letzten Tage im Leben König Ludwig II. von Bayern.

Eine Geschichte von Erich Adami.

Nach dem Tod des Königs am 13. Juni 1886 gab es etliche Menschen, die im nahen Umfeld König Ludwigs lebten und vieles hätten erzählen können, was die Verschwörergruppe gegen König Ludwig Il. rechtlich hätte durchaus belasten können. Doch wurden all die Augenzeugen, die die Ermordung König Ludwigs II. hätten beweisen können, auf äußerst bestimmte und teils brutale Art zum Schweigen angehalten, oder sie kamen auf seltsame Art und Weise ums Leben.. 1903 erschien in Düsseldorf ein Büchlein "Die letzten Lebenstage Ludwig II.", das Otto Gerold, ein Freund eines nahen Dieners König Ludwigs, veröffentlichte. Der Diener, dessen Name nicht erwähnt werden durfte, schrieb seine Erinnerungen noch zu Lebzeiten nieder und übergab sie kurz vor seinem Tod im Jahre 1901 an Otto Gerold, der sie zwei Jahre später veröffentlichte...

Des Königs letzte Tage.
Nach dem Tod des Königs am 13. Juni 1886 gab es etliche Menschen, die im nahen Umfeld König Ludwigs lebten und vieles hätten erzählen können, was die Verschwörergruppe gegen König Ludwig Il. rechtlich hätte durchaus belasten können. Doch wurden all die Augenzeugen, die die Ermordung König Ludwigs II. hätten beweisen können, auf äußerst bestimmte und teils brutale Art zum Schweigen angehalten, oder sie kamen auf seltsame Art und Weise ums Leben.. 1903 erschien in Düsseldorf ein Büchlein "Die letzten Lebenstage Ludwig II.", das Otto Gerold, ein Freund eines nahen Dieners König Ludwigs, veröffentlichte. Der Diener, dessen Name nicht erwähnt werden durfte, schrieb seine Erinnerungen noch zu Lebzeiten nieder und übergab sie kurz vor seinem Tod im Jahre 1901 an Otto Gerold, der sie zwei Jahre später veröffentlichte.

In einem Vorwort zu diesen Erinnerungen schreibt der Verfasser:

Der Verfasser der nachfolgenden Erinnerungen ist vor zwei und einem halben Jahr gestorben; auch die Mehrzahl der von ihm erwähnten Personen lebt nicht mehr. - Ich glaube daher, keine Indiskretion zu begehen, wenn ich das Vermächtnis meines Freundes der Öffentlichkeit übergebe. Die letzten Handlungen und Worte eines Königs - mag man über beide denken wie man will - gehören der Geschichte an, die geschilderten Vorgänge beruhen auf strengster Wahrheit. Sie sollen keinerlei Kritik über irgend jemand in sich schließen nur dazu dienen, die Charakteristik des unglücklichen Königs an der Hand der Tatsachen zu vervollständigen, ihn dem Leser menschlich nahe zu bringen und manchen dunklen Punkt in den Ereignissen seiner letzten Tage zu erhellen.
Und tritt denjenigen, die den unvergesslichen Herrscher im Leben kannten, aus diesen Blättern sein Bild in voller Klarheit entgegen, so ist der Zweck des Buches erfüllt.

Düsseldorf, 28. Mai 1903.

Otto Gerold

Wer ist dieser unbekannte Augenzeuge?

Im Verlag Franz Hörmann Hinterm Turm 2 - 86551 Aichach Telefon 08251/81888 Fax 08251/81880 ist im Jahre 1996 ein Nachdruck dieser Erinnerungen erschienen, in dem versucht wird dem unbekannten Verfasser auf die Spur zu kommen.

Der Verfasser des Augenzeugenberichts hielt sich offensichtlich genau in den Tagen, als die Staatsaktion König Ludwig II. festsetzte im Gasthof Alpenrose in Hohenschwangau auf. Er befand sich wohl im Urlaub und hatte genug Zeit und Muße die Ereignisse jener Tage zu verfolgen ihnen nachzuspüren um sie dann schriftlich festzuhalten. Er scheint mit dem nötigen Feingefühl eines Schriftstellers ausgestattet gewesen zu sein, den er war in der Lage, ein zuverlässiges und zugleich mitreißendes Protokoll der Ereignisse entstehen zu lassen. Von ihm haben in der Vergangenheit die meisten der Autoren von Büchern über Ludwig II. wortwörtlich zitiert. Der Bericht ist eine allgemein anerkannte Quelle.
Der erste Herausgeber der "Letzten Tage König Ludwigs II.", der Düsseldorfer Otto Gerold, verschweigt uns den Namen des Augenzeugen, doch was er in dem Buch über ihn verrät, lässt folgenden Schluss zu.
Da er ihn als seinen Freund bezeichnet, lässt uns vermuten, dass es sich bei dem Unbekannten auch um Düsseldorfer gehandelt haben muss. Für diese Annahme spricht auch die Bemerkung des Verfassers, er habe einen Bankier in Düsseldorf. Sicher ist, dass es kein gebürtiger Bayer war, denn er schreibt, "dass er den König ebenso hoch verehrte, wie sie, seine geborenen Untertanen." In dem Buch bemerkt der Autor weiter: "Ein häufiger Aufenthalt in den schönen Bergen des südlichen Bayern hatte mir dort eine Art Heimatrecht erworben." Er nennt sich dabei "den allsommerlich wieder Erscheinenden." Er war sicherlich Ortskundig und den Einheimischen nicht fremd.
Die einzige Andeutung, die er im Werk zur Person selbst zuließ, war jene, dass er sich in Hohenschwangau mit Herr Doktor anreden ließ, ohne dies zu korrigieren oder zu widerrufen. Es handelte sich deshalb mit Sicherheit um einen Mann von akademischer Bildung.
Der Augenzeuge war nicht nur in Hohenschwangau auf Urlaub, er hat auch in der gehobenen Gesellschaft in München verkehrt. Nur in der Landeshauptstadt kann es zu den persönlichen Gesprächen mit dem früheren Kabinettssekretär des Königs, Ministerialrat von Ziegler, und dem Oberhofmeister Graf Castell gekommen sein. Auch zur Beisetzungsfeier des Königs war der Unbekannte in der Residenzstadt.
Er ist dem König auch begegnet, denn er schreibt, dass er in am Tag nach seiner Ankunft in Hohenschwangau in der Kutsche vorbeifahren sah, als dieser, entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten, um die Mittagszeit nach Neuschwanstein zurückfuhr. Er fand ihn "etwas von der Sonne gebräunt".
Der Augenzeuge schöpft sein Wissen aus dem intensiven Kontakt zum Umfeld des Königs.
So besucht er noch vor den schrecklichen Ereignissen als leutseliger Sommerfrischler den Burgwart in seinem Haus, und als dann die Fangkommission losschlägt, wird er in seinem Quartier in der Alpenrose durch das dort verkehrende Dienstpersonal des Königs auf dem laufenden gehalten. Vom Leibkutscher Osterholzer wird ihm sogar der für den König bestimmte Wagen gezeigt.
Der Informationsfluss reißt nicht ab, als sich das Geschehen von Hohenschwangau nach Berg verlagert, wobei der Autor wissen lässt dass er sich gleichzeitig nach Tirol begab. Einem persönlichen Kontakt zu Stabskontrolleur Zanders und der wohl bald erfolgten nachträglichen Recherche ist es zu verdanken, dass eine zwar nicht sehr ausführliche, aber dennoch in den wichtigsten Punkten treffende Schilderung von Ludwigs kurzem Aufenthalt in Schloss Berg entsteht
Der Augenzeuge wollte keine politische Abhandlung und auch keinen Roman schreiben. Er war lediglich bemüht seine Eindrücke anhand der Ereignisse mitzuteilen, die er selbst miterlebte, und die ihm unvergessen blieben.

Die 9teilige Fortsetzungsgeschichte, die am nächsten Montag beginnt, ist eine gekürzte Version des Augenzeugenberichtes, der 1903 von Otto Gerold veröffentlicht wurde.

Wir beginnen am Abend des 9. Juni 1886

Es war am Abend des 9. Juni 1886. Ich kam aus dem Hause des Burgwarts, der mir mitteilte, dass auf dem Alten Schlosse Gäste erwartet würden, der Hofmarschall der Königin, Baron Malsen mit Familie, fügte er hinzu.
Der Regen fiel noch immer, schwächer als die Tage zuvor, aber unaufhörlich. Die Berge waren in Nebel gehüllt, die Landschaft machte einen trüben, beklemmenden Eindruck. Ich ging in das Gastzimmer, um zu Abend zu essen. Die Schwester der Wirtin, eine Art Beschließerin und allgemeines Faktotum, kam herein, um als Neuigkeit zu erzählen, dass in der Nacht sechs Herren von München kommen und im Alten Schlosse Wohnung nehmen würden.
Diese Meldung war von der des Burgwarts verschieden, der von der Familie des Barons gesprochen hatte.
Ich gab Fräulein Schegg einen Wink, nichts weiter zu sagen, da einige Fremde zugegen waren, deren Mutmaßungen ich von vornherein abzuschneiden wünschte und ging nach dem Essen hinaus, bei dem Wirte anzufragen, ob er näheres wisse. Das königliche Stallpersonal verkehrte beständig in seinem Hause. Er konnte durch Andeutungen über die Erwarteten unterrichtet sein. Die Hofleute wussten ebenso wenig, als die Fremden. Der Wirt meinte, die Herren gehörten zum Staatsministerium und seien vielleicht gekommen, dem König eine Vorstellung über die Regelung der Kabinettskasse zu machen. Morgen würde man das schon erfahren. Ich hörte später noch eine Anzahl von Wagen die Straße hinauffahren, die zum Alten Schlosse führte, ohne der Angelegenheit größere Beachtung zu schenken.
Mitten in der Nacht wurde ich aus dem Schlafe durch ein heftiges Klopfen an meiner Tür und den Ruf meines Namens erweckt. Ich sprang aus dem Bette, in der Meinung, es sei Feuer im Hause ausgebrochen, warf mich in die Kleider und öffnete. Vor mir stand die Beschließerin, leichenblass und mit verstörten Miene.
"Fräulein Schegg, was gibt es?"
"Denken Sie nur," stieß sie hervor, "was man mit unserem König im Sinne hat. Sie sind mit Irrenärzten und vier Wärtern von München gekommen und wollen ihn noch heute Nacht nach dem Linderhof bringen. Seinen Wagen und seine Leute hat man schon fortgeschickt. Das Hoflager kommt nie wieder hierher."
Ich stand einen Augenblick wie sprachlos.
"Weiß er denn, was ihm bevorsteht?" fragte ich endlich. "Haben die Ärzte ihn geprüft? Ist er einverstanden, sich in ihre Hände zu geben?"
"Nein," sagte die Beschließerin, "er weiß gar nichts. Sie wollen ihn überfallen und mit Gewalt wegführen."
Wer ist noch im Wirtszimmer unten?" fragte ich.
"Nur einer der Hofleute und mein Schwager, " war die Antwort.
"Gehen sie voran," gebot ich, "in einigen Minuten komme ich hinunter."
Ich schreibe hier keine politische Abhandlung, keinen Roman. Ich bin bemüht, die Eindrücke zu schildern, die wir alle damals hatten und ich tue dies an der Hand der Ereignisse, die sich vor uns abspielten, und die uns allen, die wir sie miterlebten, unvergessen geblieben.
Die von den beschlossenen Maßnahmen nicht Unterrichteten ? und dies war die ganze Bevölkerung jener Gegend, mussten glauben, dass eine ungesetzliche Vergewaltigung des Königs vorliege, ein Überfall, der einer Palast?Revolution gleiche. Von wem er ausgegangen, wie er sich vollziehen solle, niemand vermochte es zu wissen, der alles beherrschende Gedanke, der die Herzen erfüllte, war nur der, dass hier eine Verletzung der Königlichen Würde bevorstehe, die man nicht dulden dürfe, dass eine Gefahr für den geliebten Monarchen vorhanden sei, die abwenden zu helfen, jeder von uns bereit war, Leben und Sicherheit auf das Spiel zu setzen.
So auch beurteilte Bismarck die Stimmung der Bevölkerung in jenen Tagen. Ich kleidete mich hastig an und eilte hinunter in die Gaststube, wo ich nur den Wirt und einen der Kutscher antraf. Beide Männer weinten.
Das erste, woran man dachte, war, dass der König von der ihm drohenden Gefahr unterrichtet werden müsse. Ich fragte den Kutscher, ob er nicht auf das Neue Schloss hinaufeilen wolle, dem Kammerlakaien Mayr eine Warnung zu geben, die dieser dann dem König mitteilen könne. Der Mann fürchtete sich augenscheinlich, er verneinte. "Es sei nicht möglich, die Staatskommission sei schon hinaufgefahren Wir beratschlagten, ob man vom Alten Schlosse aus telephonieren solle, doch wusste man nicht, ob dies gestattet werden würde.
Der Friseur Hoppe hatte stets freien Zutritt zum König; ich fragte auch nach diesem, niemand wusste, wo er sei. "Sie können doch nicht dulden, "wandte ich mich an den Kutscher, "dass man Ihren Herrn ohne weiteres überfällt und wegschleppt? Werfen Sie sich mit Ihren Kameraden dem Wagen entgegen, sobald er die Fürstenstraße passiert ?`Wir sind zu wenige," war die Antwort.
"Irgend etwas muss doch aber geschehen," sagte ich, "jedenfalls will ich versuchen, ob ich in das Schloss zu Mayr dringen kann."
Die Beschließerin hatte in ihrer großen Aufregung noch einige andere Fremde geweckt, zu welchem Zwecke war ja unerfindlich, der heiße Wunsch zur Rettung des Königs beitragen zu können, machte alles kopflos.
In der "Alpenrose" wohnte seit acht Tagen die Baronin Truchseß, die oft in frühester Morgenstunde Spaziergänge unternahm, um dem König zu begegnen. Als Fräulein Schegg selbige samt ihrer Jungfer über die Geschehnisse informierte, griff diese zum Gebetsbuch, um für König Ludwig Il. zu beten.
Ich war indessen auf die Straße hinausgegangen, die zum Neuen Schlosse empor führte, an der Biegung des Weges traf ich mit einigen der Hofleute zusammen, die mich schluchzend umringten. Ich forderte einen derselben auf, mich hinauf zu begleiten, da ich die Räumlichkeiten im Schlosse nicht kannte, vielleicht konnte man mir einen Seiteneingang zeigen, durch den ich unbemerkt hineingelangte.
"Unmöglich," hieß es von allen Seiten, "wir werden sofort verhaftet."
"Nun, dann werden wir verhaftet," rief ich ungeduldig, "das ist das Schlimmste nicht, was uns bevorstehen kann."
Es fand sich endlich jemand, der den erforderlichen Mut besaß. Wir gingen den Schlossberg hinan. Die Nacht war kalt und regnerisch, die weiße Straße leuchtete vor uns aus dem Dunkel, die in ungefähr zwanzig Minuten zum Schlosse ansteigt. An der Biegung, die zum Aussichtspunkte "Jugend" führt, hörten wir plötzlich Hufschläge, ? war das bereits der Wagen, der mit dem gefangenen König nahte?
Unwillkürlich hemmten wir den Schritt; ? nein, es war der König nicht, es war ein Gendarm, der an uns vorbeijagte. Kurz darauf hörten wir von Schwangau her das Warnsignal der Feuerwehr.
An der Auffahrt des Schlosses standen in einer Reihe eine Anzahl von Wagen, der letzte gehörte dem Grafen Holnstein, rechts ein vierspänniger Wagen für den König bestimmt.
Der äußere Torbogen, durch den man in den Schlosshof gelang, war von Gendarmen besetzt, die niemand einließen. In dem dämmernden Lichte des anbrechenden Morgens unterschied man in dem Durchgange einige helle Uniformen, die rote des Grafen Holnstein, die blaue des Grafen Törring; die übrigen Herren hielten sich im Dunkel des Hintergrundes.
"Die Gendarmen lassen Sie nicht hinein," flüsterte mir mein Führer zu, "da steht die ganze Kommission beisammen." Was war geschehen? War der König gewarnt worden? Das Schloss war abgesperrt, wie in einem Verteidigungszustande. ich wollte in den Torbogen treten, den Gendarmen?Wachtmeister nach dem Zusammenhange fragen, das laute Rufen einer Frauenstimme tönte mir entgegen. Ich erkannte die Baronin Truchseß, die sich gewaltsam aus den Händen zweier Irrenwärter zu befreien suchte, welche Sie aus dem Torbogen entfernen wollten. Sie hatte ihren Gebetsvorsatz offenbar schnell geändert und war, die Abkürzungspfade wählend, schon vor uns oben angekommen. Die Szene, die nun folgte, spottete in ihrer Tragikomik jeder Beschreibung: Die Baronin kannte von München her die Herren der Kommission persönlich und überschüttete sie mit den heftigsten Vorwürfen wegen ihrer illoyalen Handlungsweise. "Minister von Crailsheim, " rief sie, "nie wieder spiele ich mit Ihnen Klavier."
"Graf Törring, Ihre Kinder müssen sich ja dereinst Ihrer schämen."
Dazwischen forderte sie die im Vorhofe befindlichen Personen auf, in ein "Hoch" auf den König einzustimmen und kämpfte im Verein mit ihrer Dienerin und Fräulein Schegg gegen die sie haltenden Wärter, um den Eingang zu erzwingen. Was sie dem Grafen Holnstein zurief, konnte ich nicht hören; er gab ihr keine Antwort und soll zu seinen Begleitern geäußert haben: "Muss das Malefizwelb jetzt auch gerade daherkommen!" Es wurde behauptet, dass der Ausdruck noch "stallmäßiger gewesen sei. Ich hatte mich unter die seitwärts stehenden Hofleute gemischt; man wartete beunruhigt, welche Wendung die Dinge nehmen würden. Die Herren der Kommission schienen ziemlich ratlos zu sein, die Gendarmen standen unbeweglich, die Waffen bereit, am inneren Tore.

Die gesamte Umgebung des Königs, mit Ausnahme seines Leibdieners Weber, war schon seit einiger Zeit von München aus über das ihrem Herrn Bevorstehende unterrichtet. Sie alle ließen die Dinge ruhig an sich herantreten. Treue und wirkliche Anhänglichkeit hegten sie für den Gebieter nicht, dem Sie ihre Existenz und eine sorgenfreie Zukunft dankten. Nur das Stallpersonal war in Unkenntnis des Kommenden gelassen worden, damit es nicht zu viele Mitwisser gäbe und aus ihrer Mitte war die Warnung gekommen, welche die Zwecke der Staatskommission vorerst vereitelte.
Ich näherte mich dem Wachtmeister Heinz. "Ist Majestät gewarnt?" flüsterte ich ihm zu. "Majestät weiß alles," antwortete er, "und wir lassen keinen ein. Auch kommt die ganze Feuerwehr uns gleich zu Hilfe."
Die Kommission verließ endlich den Torbogen, die Wagen rollten davon; auch der für den König bestimmte wurde mitgenommen.
Auf dem Schlossberge begegnete mir eine Schar von Feuerwehrleuten, die der Schlossdiener Niggl geholt hatte. In der "Alpenrose" trat mir der Kutscher Osterholzer entgegen.
"Der König lässt das Schloss in Verteidigungszustand setzen," rief einer der Fremden ihm zu, "wer kann ihn gewarnt haben?"
"Ich tat es," antwortete Osterholzer, "ich war gegen zwei Uhr bei ihm und habe es ihm gesagt."
Wir umringten ihn mit Fragen. Auch der Friseur Hoppe tauchte jetzt auf. Er hatte mit zu den über das Kommende Eingeweihten gehört, mit dem Kammerlakaien Mayr abends lange am Fenster gestanden, um den Weg von Coloman entlang zu spähen, den die Kommission bei ihrem Eintreffen nehmen musste. Hoppe spielte bei der Angelegenheit eine sehr zweideutige Rolle.
Mayr war tags zuvor von München zurückgekommen, wahrscheinlich, um dort die letzten Instruktionen entgegenzunehmen und wartete jetzt in Gemütsruhe die hereinbrechende Katastrophe ab. "Nun, heute nacht werden wir noch etwas erleben," äußerte er mehrmals.
Die Staatskommission, bestehend aus sechs Herren, war zwischen neun und zehn Uhr im Alten Schlosse angekommen, wo der Burgwart Schramm im Kavalierbau die Zimmer für die angeblich erwartete Familie des Baron Malsen in Bereitschaft gesetzt hatte.
Der alte Schramm war etwas erstaunt, dass die angemeldeten Damen nicht unter den Eintreffenden waren. von den Herren kannte er ebenfalls keinen.
Als er sie in ihre Zimmer geleitet hatte, bemerkte er, dass im Hausflur noch vier schwarzgekleidete Männer standen. In der Meinung, dass sie zur Dienerschaft gehörten, führte er sie in das zweite Stockwerk hinauf.
"Die Herren sind wohl die Kammerdiener der Herrschaften?" fragte er.
"Nein", antwortete der eine von ihnen "wir sind Irrenhauswärter und mit Herrn Doktor Gudden gekommen."
"Hast Du weiße Handschuhe mit?" fragte der andere.
"Wozu?"
"Nun, wenn wir zum König hinein müssen."
Der Burgwart Schramm wurde in diesem Augenblicke abgerufen. Er sagte mir, dass er wie in einer Betäubung die Treppe hinunter gegangen, so unerwartet war ihm die Eröffnung gekommen.
In dem Zimmer, in welchem sich das Telefon befand, traf der den Haushofmeister des Königs, Stabskontrolleur Zander und den Hofkoch Gerhacker, die durch das Telefon mit dem Lakaien Mayr nach Neuschwanstein sprachen. Mayr lies Zander ausrichten, dass er augenblicklich beim König erscheinen soll, welcher sich jedoch scheute, vor das Angesicht seines von allen Seiten hintergangenen Herrn zu treten.
Ein opulentes Souper war für die Herren der Kommission bereitet, welches die Behauptung widerlegt, dass die Herren in Hohenschwangau Hunger hätten leiden müssen. Vierzig Maß Bier und zehn Flaschen Champagner vervollständigten das Mahl.
Graf Holnstein ging gegen ein Uhr hinunter in den königlichen Pferdestall, dem Hofpersonal die Weisung zu geben, sich sofort zur Rückkehr nach Berg vorzubereiten, da das Hoflager hier aufgelöst werde. Der Kutscher Osterholzer war soeben im Begriffe, die Pferde an den Wagen des Königs zu spannen, der, wie gewöhnlich, in der Nacht eine Spazierfahrt unternehmen wollte. Holnstein befahl ihm, sofort wieder auszuspannen, da für den König ein anderer Wagen bereit gestellt sei und auch ein anderer Kutscher werde ihn fahren.
Osterholzer berief sich auf den Befehl des Königs. "Der König hat überhaupt nichts mehr zu befehlen, sondern nur Prinz Luitpold," meinte der Graf. Diese Äußerung war es, welche Osterholzer zu der Erkenntnis brachte, dass irgend etwas Schreckliches gegen seinen Herrn geplant sei.
Osterholzer führte die Pferde in den Stall zurück und lief dann den Waldpfad hin, der, die Biegungen der Straße vermeidend, zum Neuen Schlosse ging, seinen Herrn zu warnen. Der Schlossdiener Niggl meldete ihn dem Könige, der sich von dem Lakaien Weber zur Ausfahrt bereit machen ließ.
Osterholzer stürzte atemlos in das Zimmer, dem Könige zu Füßen. Seine Aufregung ließ ihn nur unzusammenhängende Worte hervorstammeln. Der König verstand ihn nicht. Er winkte Weber herbei und fragte, was dies zu bedeuten habe. Weber erklärte es ihm. Es seien Männer drunten, die seinen Wagen hinweggenommen hätten, man habe etwas gegen Majestät vor. Osterholzer flehte den König an, er möge sofort fliehen. Er würde einen anderen Wagen bereit halten, auch Weber erbot sich, bei der Flucht zu helfen. "Fliehen? Weshalb?" entgegnete er. 'Wenn eine wirkliche Gefahr vorhanden wäre, würde mir Karl schon geschrieben haben." Unter "Karl" war der Hofkourier Hesselschwerdt gemeint, dem der König unbedingt vertraute. Aber Hesselschwerdt gerade war es gewesen, der den Anstoß zu diesem Vorgehen gegeben hatte.
Die Herren der Kommission hatten sich die Ausführung ihrer Aufträge leichter gedacht. Auch die Gendarmen, welche ihnen im Torbogen des Vorbaues den Eingang verwehrten, glaubten sie mit geringer Mühe von ihrer Berechtigung überzeugen zu können, den Eingang zu erzwingen. Sie zeigen schriftliche Vollmachten vor. Der Wachtmeister sah diese nicht an, sondern antwortete auf alle Befehle und Vorstellungen: "ich brauche keine Vollmachten und brauche nichts Schriftliches. Ich kenne nur eine Order und die kommt vom König." Jetzt wollten die Herren den Eingang gewaltsam erzwingen, der Wachtmeister Hein riss sein Gewehr empor und rief. "Keinen Schritt weiter, oder ich gebe Feuer."
Dem König wurden die Namen der Staatsbeamten und ihrer Begleiter genannt, die zu ihm hatten eindringen wollen. Alsbald erhielt der Bezirksamtmann von Füssen, Sonntag, den Auftrag, sie zu verhaften und in Gewahrsam auf das Neue Schloss zurückbringen zu lassen.
Als die Kommission unverrichteter Dinge von Neuschwanstein herabkam, gab Minister von Crailsheim folgende Depesche nach München auf. "Nicht vorgelassen, Proklamation zulassen!" Unter letzterem war die Einsetzung der Regentschaft gemeint.
Gegen neun Uhr erschien im alten Schlosse Sonntag, um die Herren zu verhaften. Der Minister herrschte ihn in barschem Tone an und bestritt ihm das Recht zu seiner Handlungsweise. Der tiefgekränkte Mann antwortete: "Exzellenz, ich bin in diesen tragischen Konflikt versetzt worden, ohne dass ein Wort mich darauf vorbereitet hätte. Man hat mir keine Instruktion, nicht die leiseste Andeutung dessen gegeben, was geschehen sollte, wie ich mich meinem Herrn gegenüber verhalten solle, dem ich in langen Jahren diente und dessen Beamter ich noch in dieser Stunde bin. Lassen Sie mir doch wenigstens Zeit, mich von dem Ungeheuren zu fassen, das über uns alle gekommen. Ich kann die Liebe und Treue all dieser verflossenen Jahre nicht in dem Zeitraume weniger Minuten von mir werfen, um meinem Könige als Feind gegenüber zu treten."
Der Bezirksamtmann wiederholte mir noch am selbigen Tage diese Unterredung seine Stimme ging dabei in Schluchzen unter. Dieser wackere und getreue Mann war der erste, der seinem unglücklichen Herrn in den Tode folgte, die Katastrophe hatte ihm das Herz gebrochen. Es war noch kein Jahr vergangen, als der Bezirksamtmann Sonntag verstarb.
Vielleicht machten Sonntags Worte einigen Eindruck auf den Minister, denn sie ergaben sich seiner Verhaftung.
Man hat die Herren der Staatskommission fast als verfolgte Märtyrer hingestellt, deren Leben ernstlich bedroht gewesen sei.
Ich wüsste nicht, von welcher Seite. es müsste denn die Wut der Bevölkerung bedenklich erschienen sein, die der Einwohner drunten, welche sich auf der Straße versammelt hatten, die der Feuerwehrleute droben im Schlosshofe, welche zum Schutze ihres Königs herbeigeeilt waren. "Schau", rief eine ländliche Frau ihrem siebenjährigen Töchterlein zu, "wenn du einst groß bist, kannst du sagen, dass du auch einmal Verräter gesehen hast."
Und andere machten den Vorschlag, die Herren, besonders Gudden, in die Pöllatschlucht zu stürzen.
Um zwölf Uhr erteilte der König den Befehl, die Kommission in Freiheit zu setzen. Die Gefangenschaft hatte drei Stunden gedauert. Die Herren verließen auf Seitepfaden den Schlossberg, um ihren unrühmlichen Rückzug anzutreten. Ihr Handgepäck wurde ihnen bis zu den Wagen nachgetragen, die eine Strecke weit entfernt auf der Landstraße ihrer warteten. Graf Holnstein hatte die Absicht gehabt, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Er hatte Jagd? und Fischereigeräte mit sich geführt, um nach vollendeter Mission sich in Hohenschwangau die Zeit zu vertreiben.
Keiner der Herren wagte mehr, sich im Orte sehen zu lassen. Man gönnte sich auch unterwegs keine Rast, bis man in genügender Entfernung von Hohenschwangau war, um nichts mehr fürchten zu müssen.
Die größte Angst um sein Leben und seine Sicherheit hatte Doktor Gudden gezeigt. Er bat den Bezirksamtmann Sonntag, ihn in seinem Wagen bis Füssen mitzunehmen, weil er fürchtete, dass die gereizte Bevölkerung ihn misshandeln werde. Sonntag gab ihm zum Troste eine Zigarre und beruhigte ihn. Währenddessen telegraphierte der König an seinen Flügeladjudanten Dürckheim, um ihn zu sich zu berufen. "Dieser ist mir ergeben," bemerkte er dabei. Graf Dürckheim war es und hatte vollen Grund dazu ...

Was Graf Dürckheim ferner noch für seinen unglücklichen Herrn zu tun bereit war, ist mit Zuverlässigkeit nicht anzugeben. Man nannte ihn als den Verfasser der Proklamation, die im Namen des Königs am folgenden Tage erlassen und von den Behörden beschlagnahmt wurde, oder wenigstens als den Beirat zu derselben, falls sie vom Könige selbst entworfen sei. Die Proklamation lautete wie folgt:
"Ich Ludwig II. König von Bayern sehe mich veranlasst an mein geliebtes bayerisches Volk und an die gesamt deutsche Nation folgenden Aufruf zu erlassen.
Der Prinz Luitpold beabsichtigt sich ohne meinen Willen zum Regenten meines Landes zu erheben, und mein bisheriges Ministerium hat durch unwahre Angaben über meinen Gesundheitszustand mein geliebtes Volk getäuscht und bereitet hochverräterische Handlungen vor.
Ich fühle mich körperlich und geistig so gesund, wie jeder andere Monarch, und der geplante Hochverrat ist so überraschend, dass mir keine Zeit bleiben wird, Gegenmaßregeln zur Vereitelung der vom Ministerium beabsichtigten Verbrechen zu treffen.
Falls die geplanten Gewaltakte zur Ausführung kommen und Prinz Luitpold ohne meinen Willen die Regierungsgewalt an sich reißt, beauftrage ich meine treuen Freunde, mit allen Mitteln und unter allen Umständen meine Rechte zu wahren. Ich erwarte von allen treuen bayerischen Beamten, insbesondere aber von jedem ehrliebenden bayerischen Offizier und jedem braven bayerischen Soldaten, dass sie eingedenk des heiligen Eides, durch welchen sie mir Treue gelobt haben, mir auch in diesen schweren Stunden treu zu bleiben und mir im Kampfe gegen die nächststehenden Verräter beistehen werden.
Jeder königstreue Bayer wird aufgefordert, den Prinzen Luitpold und das bisherige Gesamtministerium als Hochverräter zu bekämpfen.
Ich fühle mich mit meinem geliebten Volk eins und bin der festen Überzeugung, dass mein Volk mich auch gegen den geplanten Hochverrat schützen wird. Ich wende mich auch an die gesamte deutsche Nation und die verbündeten Fürsten. Soviel in meiner Macht lag, habe ich zum Aufbau des deutschen Reiches beigetragen und darf deshalb von der deutschen Nation erwarten, dass sie es nicht duldet, wenn ein deutscher Fürst durch Hochverrat verdrängt wird.
Falls mir keine Zeit bleiben sollte, mich an seine Majestät den deutschen Kaiser direkt um Hilfe zu wenden, dann vertraue ich der Gerechtigkeit, welche mir zum mindesten keinen Widerstand entgegensetzt, wenn ich die Hochverräter in meinem Lande den Gerichten überliefere.
Meine braven und treuen Bayern werde ich sicherlich nicht verlassen, und für den Fall, dass man mich mit Gewalt verhindern sollte, mein Recht selbst zu wahren, soll dieser Aufruf an jeden treuen Bayer eine Aufforderung sein, sich um meine treuen Anhänger zu scharen und an der Vereitelung des geplanten Verrates an König und Vaterland mitzuhelfen.
Gegeben zu Hohenschwangau, am 9. Juni 1886,
Ludwig II. König von Bayern.
In der Nacht erhielt der Graf zweimal den Befehl des Kriegsministeriums, sofort nach München zurückzukehren. Das erste Telegramm ließ er unbeachtet, das zweite legte er dem König vor, indem er dabei bemerkte, dass er sich nach München begeben müsse, um nicht der Insubordination angeklagt zu werden. Der König ließ ihn ungern gehen. "Sie wissen, wie gerne ich Sie bei mir behalten möchte," sagte er. "Telegraphieren Sie meinem Onkel, dem Prinzen Luitpold, und fragen Sie an, ob er Sie mir nicht lässt." Der Graf gehorchte. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie lautete kurz und bündig: "Es bleibt bei dem Befehle des Kriegsministeriums." Jetzt durfte auch Graf Dürckheim nicht länger zögern. Er nahm von seinem Herrn Abschied. Es sollte für immer sein.
In München angelangt, wurde der Graf sofort verhaftet und in das Militärgefängnis abgeliefert. Die Anklage lautete auf Landes- und Hochverrat.

Selbst in Hohenschwangau wurde inquiriert, ob er zur Zeit seiner Anwesenheit dort um die Einsetzung der Regentschaft gewusst, sogar die Wirtin der Alpenrose, die seit einer Woche krank lag, musste ihre Aussage abgeben. Ebenso jeder, der mit dem Grafen in Berührung gekommen war. Man fand keine Beweise. Die Untersuchung dauerte noch einige Zeit, dann wurde Graf Dürckheim in Freiheit gesetzt. Bei dem neuen Hofe war er längere Zeit in Ungnade, seine Bitte, seinen toten Herrn noch einmal sehen zu dürfen wurde abgeschlagen, ebenso wurde ihm bei seiner Versetzung die Abschieds?Audienz verweigert. Seine spätere Karriere wurde durch das Geschehene nicht beeinflusst. Er ist jetzt General in Regensburg.
Die angelangten Gendarmen lösten die einheimischen ab und besetzten das Schloss. Der König glaubte im ersten Augenblicke, dass sie zu seinem Schutze gekommen seien. Erst als man ihm die gewohnte Ausfahrt verweigerte, erkannte er, dass er ein Gefangener sei.
Nach den furchtbaren Aufregungen der verflossenen vierundzwanzig Stunden war über den König eine gewisse Apathie gekommen, die ihn widerstandslos das über ihn Verhängte hinnehmen ließ. Daneben regte sich der Wunsch in ihm, durch den Tod von der Qual des Lebens sich zu befreien, das vor ihm lag.
Er fragte den Friseur Hoppe, ob er ihm nicht Cyankali besorgen könne, was dieser verneinte. Der König dachte nicht daran, dass er mit den Opiumtropfen oder dem Chloroform, das er in seiner Hausapotheke besaß, sein Leben mit leichter Mühe hätte beenden können.
Am Morgen des 11. Juni, Freitags, erreichte uns mit der Frühpost die Proklamation der Regentschaft. Wollte man jetzt noch irgend etwas für den unglücklichen Monarchen tun, setzt man sich der Auflage des Landesverrates aus.
Niemand dachte daran. Überall im Orte und über die Grenzen desselben hinaus war man bereit, Leben und Sicherheit an die Befreiung des Königs zu wagen. "Sind Sie schon vereidigt?" hörte ich jemand einen der einheimischen Gendarmen fragen. "Nein", antwortete dieser ruhig. Ich kann mich noch an einem Landesverrat beteiligen."
Eine Beratung fand statt, wie der Fluchtplan ausgeführt werden könne. Es handelte sich nur darum, den König unbemerkt aus dem Schlosse zu bringen. Die fremden Gendarmen kannten die Wege im Gebirge nicht, von denen uns jeder Fußbreit vertraut war.
Über den Kitzbergpfad konnte man Tirol in einer Stunde erreichen, wo ein Wagen ihn erwarten sollte. Eine Anzahl treuer, todesmutiger Männer sollte den Fliehenden auf dem gefahrvollen Wege mit ihren Leibern decken und mit Waffengewalt verteidigen.
"Ich bin ein lediger Mann," sagte der Junge Vorreiter. "Ich gehe voran, mich mögen Sie wenn's Not tut, erschießen." So gleichgültig war alles gegen die eigene Existenz geworden.
Die Mittel zu dem Aufenthalte in einem anderen Lande fehlten dem Könige. Ich konnte an meinen Bankier in Düsseldorf telegraphieren, sie mir anweisen zu lassen, alles übrige musste sich finden. In Österreich hatte man bereits mit der Möglichkeit gerechnet, dass der König dorthin flüchten könne. Ein Graf, der Kammerherr des Kaisers war, teilte mir später mit, dass der Kommandant von Innsbruck in stündlicher Sorge der Nachricht entgegengesehen, dass der König sich auf österreichischem Boden befände, auch Kaiser Franz Joseph fürchtete unliebsame Komplikationen davon.
Von Hohenschwangau aus wurden für den König keine Telegramme mehr befördert. Man hatte nach jeder Richtung hin vorgesorgt. Auch war eine persönliche Verbindung mit ihm oder einem der Diener im Schlosse fast unmöglich, da das letztere durch die bewachenden Gendarmen gesperrt war. Die zu seiner Befreiung entschlossenen Leute mussten jedoch seine Zustimmung, oder wenigstens seine Kenntnis ihres Planes erhalten, um demgemäss ihre Handlungsweise regeln zu können. Wer sollte es wagen, in das Schloss einzudringen? Von den Männern konnte es keiner, auch Ich nicht. Die Gefahr der Entdeckung musste alles sofort vereiteln. Ein Fremder zumal durfte nicht darauf rechnen, Eingang zu finden, ohne sich ausweisen zu können, was er droben zu tun habe.
Eine Dame, die zur Sommerfrische in Hohenschwangau weilte, erbot sich zu dem Gange. Sie schlang sich nach Art der Landleute ein Tuch um den Kopf, hängte sich an den Arm der Frau eines Reitknechts und schritt mit dieser hinauf.
Der Tag wäre zur Flucht, wie keiner, geeignet gewesen. Der Nebel war so dicht, dass man kaum zwanzig Schritte weit sehen konnte. Die Gendarmen hatten sich unter Dach und Fach zurückgezogen, rings um das Schloss herrschte Totenstille.
Unter dem Torbogen stand der Major Steppes, der die beiden Frauen fragte, wer sie seien. Die eine derselben gab zur Antwort, dass sie Kutscherfrauen seien, welche die Gattin des Kammerlakaien Mayr besuchen wollten.
Der Major betrachtete sie misstrauisch. Aus dem Portale traten einige der Bediensteten, er wandte sich zu ihnen. "Kennen Sie die Damen?" Sind ihre Angaben richtig?" Die Hofleute bejahten und die Frauen wurden eingelassen.
Ich glaube kaum, dass der Kammerlakai Mayr über den Besuch erfreut war. Musste doch jede Störung dem über seinen Herrn Beschlossenen hinderlich sein.
Das Wagnis der beiden mutigen Frauen blieb ohne Resultat. Mayr teilte dem König die Anwesenheit beider nicht einmal mit, zu einem Fluchtplane hätte er ohnehin die Hand nicht geboten. Das letztere wurde dem Könige durch Osterholzer mitgeteilt, dem es gelungen war, zu ihm zu dringen. Er wäre vielleicht darauf eingegangen, doch hatte er die Frage gestellt, ob ein solcher Plan ohne Blutvergießen in das Werk zu setzen sei. Dies vermochte man ihm nicht zu garantieren. Man durfte erwarten, dass ein Kampf sich entspinnen würde. Da lehnte der König den Vorschlag ab. Ich will nicht, dass Menschenleben für mich geopfert werden," sagte er.
Der König, der noch am gestrigen Tage fest geglaubt, dass ihm keine ernstliche Gefahr drohe, war jetzt von den Vorgängen in München vollständig unterrichtet und wusste, welcher Mittel man sich dort bedient hatte, um seine Thronentsetzung herbeizuführen. Er wusste auch, welches Material dazu geliefert worden war.
"Denken Sie sich," sprach er zu seinem Kammerlakaien Mayr, "die Menschen, denen ich soviel Gutes erwiesen, haben mich verraten und alle meine Briefe und Papiere meinen Gegnern ausgeliefert."
Er schien immer noch zu ahnen, dass auch die, welche ihn zur Stunde umgaben, das Gleiche getan hatten.

An einen Widerstand dachte er nicht mehr. Es war ihm bekannt, dass in der Frühe des nächsten Morgens eine zweite Kommission auf Neuschwanstein erscheinen würde, ihn mit Hilfe von Ärzten und Irrenswärtern hinwegführen, und dass er von jenem Momente an ein willenloser Gefangener in den Händen anderer sei.
Er schritt in dem noch unvollendeten Thronsaale auf und nieder und richtete zuweilen ein Wort an denjenigen seiner Diener, die in der letzteren Zeit in seinem unmittelbaren Dienste gestanden.
"Glaubst Du an die Unsterblichkeit der Seele?" fragte er den in geringer Entfernung ihm folgenden. Der Diener bejahte.
"Ich glaube auch daran," erwiderte der König. "Ich glaube an die Unsterblichkeit der Seele und an die Gerechtigkeit Gottes. Ich habe viel über Materialismus gelesen. Er befriedigt nicht, er ist nicht erhaben, denn da stände der Mensch ja auf gleicher Stufe mit dem Tiere."
Der König pflegte im Auf? und Niedergehen seine Gedanken laut zu äußern, so geschah es auch hier. Seine Worte waren folgende:
"Von der höchsten Stufe des Lebens hinabgeschleudert zu werden in ein Nichts, ? das ist ein verlorenes Leben, das ertrage ich nicht. Dass man mir die Krone nimmt, könnte ich verschmerzen, aber dass man mich für irrsinnig erklärt hat, überlebe ich nicht. Ich könnte es nicht ertragen, dass es mir ergeht, wie meinen Bruder Otto, dem jeder Wärter befehlen darf und dem man mit Fäusten droht, wenn er nicht folgen will."
Der Gedanke des Todes brach sich mehr und mehr Bahn bei dem Monarchen. Ein Sturz von der Höhe des Turmes und er war in der Freiheit.
"Sage Hoppe, wenn er morgen kommt, um mich zu frisieren, er möge meinen Kopf in der Pöllat suchen," sprach er. "Ich hoffe, dass Gott mir diesen Schritt gnädig verzeihen wird."
"Meiner Mutter kann ich den Schmerz ersparen, den ich ihr bereite. Sie haben mich ja dazu getrieben, aber mein Blut komme über alle die, welche mich verrieten."
Tiefe Bitterkeit erfüllte den König gegen seinen Oheim.
"Ein schöner Verwandter," sagte er, "der sich die Herrschaft anmaßt und mich gefangen setzen lässt. Das ist kein Prinzregent, das ist ein Prinzrebell."
Die Gegenwart der Baronin Truchseß im Schlosse ? sie verließ das Vorzimmer nicht ? begann ihm peinlich zu werden. Er wünschte sie entfernt zu haben, und gab den ausdrücklichen Befehl. In diesen schrecklichen Stunden erinnerte er sich, dass dies der armen Kranken wehe tun könnte, die ihre Anhänglichkeit für ihn so weit getrieben.
Von Zeit zu Zeit trat er von dem Saale auf den Balkon und betrachtete, den Kopf in die Hand gestützt, stumm und still das vor ihm sich ausbreitende herrliche Panorama. Es war, als wolle er Abschied davon nehmen.
Für die Bewohner des Ortes verging der Tag in sehr gedrückter Stimmung. Man erwartete unwillkürlich, dass noch irgend etwas Schreckliches sich ereignen müsse, dem mit gebundenen Händen zuzuschauen man verurteilt sein sollte. Die missglückte Botschaft der beiden Frauen trug nicht dazu bei, hoffnungsvoller zu machen.
Eine Zivilkommission von München war eingetroffen, Regierungsrat Kopplstätter und von Müller, letzterer der Nachfolger Zieglers im Kabinetts?Sekreteriat und vom Könige mit Gunst und Gnaden überschüttet.
Die Herren hielten sich mehrfach im Hausflur der "Alpenrose" und vor der Tür auf, was die Beschließerin öfters zu der im Flüstertone gesprochenen Warnung veranlasste: "Sprechen Sie mit niemand, es kommt schon wieder jemand von der Kommission."
Man hatte ebenfalls schon den Eindruck, als ob man polizeilich beobachtet würde. Der Bezirksamtmann bestätigte es.
Welche Besorgnis man doch hatte! Sogar den Damen widmete man eine nicht mißzuverstehende Aufmerksamkeit.
"Gnädige Frau, Sie sind unvorsichtig," sagte ich nach Tische zu der einen, die mit der Vorreitersfrau auf dem Schlosse gewesen war.
"Der Major Steppes hatte Sie erkannt und hielt Sie für keine Kutschersfrau mehr. Haben Sie denn gar nicht bemerkt, mit welchen durchbohrenden Blicken er Sie betrachtet?"
Sie zuckte die Achseln und lächelte. Die erfahrenen Drohblicke schienen ihr keine Furcht einzuflößen. Die Frauen gedenken der eigenen Person noch weniger, als die Männer, wenn ein gewaltiger Gedanke sie beherrscht.
Am Nachmittage kam der bisherige Telegraphenbeamte zu mir, um sich zu verabschieden. Er war entlassen worden, weil er noch jene Depesche für den König befördert hatte, die das Jägerbataillon in Kempten herbeirufen sollte.
"Ich bin ihnen zu altloyal", fügte er bitter hinzu. "Sie suchen sich jetzt einen, der dem neuen Regimente besser zu dienen verspricht."
In Tirol war die Erregung nicht minder stark als in Hohenschwangau. Die Kunde hatte sich unter der Bevölkerung verbreitet, dass man den König nach Linderhof bringen würde. Um dahin zu gelangen, musste man durch Tirol und die Gebirgler waren entschlossen, den geliebten König zu befreien.
Sie hatten die Gewehre bereits verteilt, einen Anführer gewählt und sich vorgesetzt, die Begleitung des gefangenen Herrschers niederzumachen, sobald sie den Pass erreicht.
Der Anführer war in Hohenschwangau, sich näher zu informieren. Ich kannte ihn wohl. Oft war ich in diesem Hause zu Gaste gewesen, doch heute wagten wir nicht miteinander zu sprechen.

Gegen sieben Uhr kam der Friseur Hoppe vom Schlosse herab. Ich hatte diesen in seinen Aussagen nie für besonders zuverlässig gehalten, fragte aber dennoch, wie die Stimmung des Monarchen sei. Hoppe bestätigte, dass es dem König am meisten schmerze, für irrsinnig gehalten zu werden. "Haben Sie mich denn schon jemals verrückt gesehen?" fragte er. Im übrigen sei er still und ergeben in sein Schicksal. Doch wäre es zu wünschen, dass der König gutwillig mit seinen Wächtern ginge, sonst wäre es möglich, dass diese "Hand an ihn legten und Gewalt anwendeten."
Im Wirtszimmer saßen der Bezirksamtmann und der Gendarmerie-Oberst Hellingrath und durchwachten die Stunden der Nacht, bis man ihrer bedürfen werde. Die beiden Männer erklärten, es sei dies die schwerste Nacht ihres Lebens gewesen. Um zwölf Uhr hörte man in der Remise dumpfe Hammerschläge. "Jetzt machen Sie wieder den Wagen zurecht," sagte einer der Hofleute. .
Die Nacht war entsetzlich. es regnete in Strömen. Der König war fast allein im Schlosse. Schon vor Abend hatte man alle Dienerschaft, mit alleiniger Ausnahme Mayrs und Webers entfernt und das Schloss völlig gesperrt. In der Frühe des Morgens sollte die Wegführung des Königs erfolgen. Gudden hatte bei seiner diesmaligen Ankunft auf Neuschwanstein den kürzesten Weg gewählt und harrte des Momentes, da Mayr ihn benachrichtigen würde, den König abzuholen.
Die Wahl gerade dieses Arztes war für den König eine wenig glückliche, da der Monarch gegen ihn eine besondere Antipathie hegte, vielleicht das instinktive Empfinden, dass jener sein Verderber werden solle.
"Gudden sieht mich zuweilen so eigentümlich an," äußerte er zu der Obersthofmeisterin seiner Mutter. "Wenn er nur nicht auch an mir noch Irgend etwas herausfindet."
Von Gudden ging auch der Vorschlag aus, den König nach Berg zu bringen, ein rücksichtsloser, Vorschlag, ihn gerade dort zu internieren, wo er die ersten ungetrübten Tage seines jungen Königtums verlebt. Man behauptete, es sei Berg dem Arzte am bequemsten gewesen, um München und die von ihm geleitete Irrenanstalt ohne Mühe erreichen zu können.
Es wäre kein Problem gewesen, ihn in Schloss Hohenschwangau zu lassen und seine Abdankung hätte auch anders erfolgen können, er hätte sie verschmerzt, wie es sein Großvater Ludwig I. getan."
Gegen Anbruch der Nacht ergriff ihn abermals das Grauen vor dem, was ihn erwartete. Er gab den Befehl, den Kutscher Osterholzer rufen zu lassen. Vielleicht war der Fluchtplan noch auszuführen, den dieser am Morgen vorgeschlagen hatte.

Doch Osterholzer war nicht mehr zu erreichen. Man hatte ihm bedeutet, bei Gefahr sofortiger Verhaftung Hohenschwangau sofort zu verlassen. Der König fragte den Schlossdiener Niggl, ob denn sein Volk nichts zur Befreiung seines Herrschers tun würde. Niggl antwortete: "Das Volk, Majestät, ist waffenlos." Die Antwort musste des Königs Entschluss befestigen. Er schritt noch einmal durch alle Räume des Schlosses, um sich von ihnen zu verabschieden und seinem letzten Diener Weber schenkte er eine Brillantagrasse, die er seit einiger Zeit am Hute getragen.
"Geld habe ich keines, Dich zu belohnen," sprach er dabei. "Nimm dafür die Agrasse und diesen Schein von mir. Solltest Du die Brillanten abliefern müssen, so hast Du durch diesen Schein Anspruch auf Entschädigung von 25.000 Mark." Der Schein war um einige Tage früher ausgestellt. Ob er je eingelöst worden, habe ich nicht erfahren. Die Agrasse fiel an den Staatsschatz, dem sie entnommen war.
Der König kehrte in sein Speisezimmer zurück und nahm an seinem Tische Platz. Noch standen vor ihm die letzten Blumen, die er erhalten, und die bereits verdorrt waren.
"Um halb eins bin ich geboren, um halb eins will ich auch sterben", sagte er.
Im Schlosse war inzwischen die Kommission nebst Gudden und den Irrenwärtern versammelt; der König verlangte zu der angegebenen Zeit den Schlüssel zum Turme; ein kleines, viel benutztes Gebetbuch übergab er Weber mit den Worten: "Bete für mich."
Mayr, der die Absicht des Königs ahnte, meldete, dass der Schlüssel zum Turme nicht zu finden sei, der König wiederholte den Befehl; der Kammerlakai rief in seiner Angst Gudden und die Übrigen herbei, die im Vorgemache zu harren hatten, dann meldete er seinem Herrn, dass die Pforte zum Turme jetzt offen sei. Man hatte sich vorgenommen, den König sofort zu umstellen und gewaltsam fortzuführen. Als sich jedoch die Tür öffnete und der Monarch unter die Versammelten trat, da wich vor der gebietenden königlichen Gestalt Alles scheu zurück. Keiner wagte sich ihm zu nähern, oder ihn anzurühren. Noch einmal wirkte der Zauber seiner Persönlichkeit.
Gudden fasste sich zuerst und, da er doch irgend etwas sagen musste, brach er in die unglaublichen Worte aus: "Im Namen des Prinzregenten sind Majestät mein Gefangener!"
Der König hatte bei dem Anblicke der vor ihm Befindlichen einen Ruf des Staunens, des Schreckens ausgestoßen. Jetzt wandte er sich an den Arzt. "Wie kommen Sie dazu, ein Protokoll zu unterzeichnen, das mich für irrsinnig erklärt?" fragte er. "Sie haben mich vorher weder gesehen noch gesprochen." Gudden erwiderte, dass alle Anordnungen zum Wohle seiner Majestät getroffen seien, dass er bei guter Pflege bald hergestellt werden könne und dergleichen mehr.
Die Irrenwärter hatten jetzt auch einigen Mut gefasst und schlangen ihre Arme in die des Königs, der sie mit einer leichten Bewegung abwehrte.
"Nicht vonnöten; ich gehe freiwillig", sagte er nur. Die Abreise von Neuschwanstein erfolgte gegen drei Uhr. Der König fügte sich ohne Wiederstand den über ihn verhängten Maßregeln.
Schon im Wagen sitzend fragte er Gudden nur noch: "Sie gestatten wohl, dass ich von meinem Diener Abschied nehme?"
Mayr trat an den Wagenschlag; der König hatte ihm verschiedene kleine Aufträge zu geben, die Unterredung dauerte dem Arzte zu lange. "Machen Sie, dass wir weiter kommen", drängte er wiederholt. Der Zug setzte sich in Bewegung. Man konnte es an dem Arrangement desselben gewahren. dass er einen entthronten, gefangenen Monarchen hinwegführte. Vor dem königlichen Wagen her fuhren die Beamten der Kommission, auf dem Bocke des ersteren saß neben dem Kutscher, statt des Reitknechtes, ein Irrenwärter, der Vorreiter ritt nicht mehr, wie sonst, vor, sondern hinter dein Wagen.
Nur wenige Menschen standen am Wege, den traurigen Zug zu sehen. Der König erwiderte die gebotenen Grüße freundlich, wie in früherer Zeit. An der Biegung der Straße trocknete er mit der Hand das nasse Fenster ab und warf noch einen Blick zu dem Schlosse hinauf, das er für immer verlassen.
Das Hoflager sollte in den nächsten Tagen teils nach Berg, teils nach München übersiedeln. Die Dienerschaft kam zu mir, sich zu verabschieden und mir für alles Wohlwollen und alle Nachsicht zu danken, die ihrem oftmals übermütigen Treiben entgegengebracht. Auch ich rüstete mich zur Abreise.
Nachmittags ging ich nach Tirol. Wie man die Begebenheiten dort auffasste, bewies mir die Äußerung eines österreichischen Offiziers, den ich in einem Berggasthause traf: "Sie hatten wohl keine Männer in Ihrem Lande", sagte er, "dass Sie Ihren König so verraten und verkaufen ließen?"

Die Reise des Königs bis Berg ging ohne Zwischenfall von statten. Die Postmeisterin in Seeshaupt wird die letzten Worte, die er an Sie richtete, als die Pferde gewechselt wurden, in der Erinnerung behalten haben. War sie ja doch die Letzte gewesen, die ihn außerhalb des ihm bestimmten Gefängnisses sprechen hörte.
In Berg angelangt, begrüßte der König den dort stationierten Gendarmen mit den Worten: "Das ist schön, Sauer, dass Sie wieder Dienst hier haben," und begab sich dann mit Dr. Gudden in das Schloss. In einem der Gemächer desselben hängt ein poesiedurchhauchtes Bild: Die erste Landung Ludwigs II. vor seinem Schlosse Berg nach seiner Thronbesteigung. Die ideale Jünglingsgestalt des Herrschers steht in dem Boote, das an der Brücke anlegt. Ob wohl des Königs Auge dieses Bild erfasste, als er jetzt seinen Einzug in das Schloss hielt? Von München aus soll die Weisung ergangen sein, in der Behandlung des Kranken schonend vorzugehen. Diese Weisung wurde jedoch ziemlich sonderbar illustriert. Dem König waren nur zwei Zimmer zur Verfügung gestellt, die man in Eile und Hast mit den in Irrenhäusern üblichen Vorsichtsmaßregeln ausgestattet hatte. Die Fenster waren mit verschließbaren Riegeln versehen, die Erker mit Schränken verstellt, in den Türen waren Löcher gebohrt, um den König unausgesetzt beobachten zu können. Sein bisheriges Speisezimmer hatte man dem Dr. Grashay als Wohnzimmer eingerichtet. Man erinnerte sich nicht, dass man es nicht mit einem völlig umnachteten Geiste zu tun hätte, der für alle Kränkungen seines stolzen Königsbewusstseins unempfindlich war. Der König empfand sie vielleicht tiefer, als irgend ein anderer, da der Sturz aus seiner Höhe so unvermittelt gekommen war. Dennoch fügte er sich. Er betrachtete die neuen Veränderungen in seinem Zimmer, ohne etwas zu äußern. Es war begreiflich, dass seine Ärzte ihn zunächst an eine regelmäßige Lebensweise gewöhnen wollten. War doch sein Nervensystem durch seine Gewohnheit, die Nacht zu durchwachen und am Tage zu schlafen, tief erschüttert worden. Er gehorchte dem Arzte, sich an diesem Abend zeitig zur Ruhe zu legen und es gelang ihm auch, einige Stunden zu schlafen. Aber, war es die Ungewohnheit der neuen Lebensweise, waren es die Aufregungen der zuletzt verlebten Tage, er erwachte um zwei Uhr schon wieder und verlangte aufzustehen. Die Irrenwärter beriefen sich auf das Verbot des Oberarztes. Sie hatten die Kleider des Königs aus dem Zimmer genommen und weigerten sich, sie, trotz Verlangen des Monarchen, sich ankleiden zu wollen, herauszugeben. Des Königs Ruhelosigkeit war nicht zu bekämpfen. nach mehrfachen Bitten verstand sich einer der Wärter endlich dazu, ihm wenigstens die Strümpfe zu reichen. Der König ging, nur mit dem Nachtgewande bekleidet, stundenlang in seinem Schlafzimmer auf und nieder. Der trübe Pfingstsonntag brach an. Der König, sehr religiös veranlagt, wünschte die Kirche zu besuchen und an dem Frühgottesdienste teilzunehmen. Man schlug es ihm ab, man fürchtete, dass sein Erscheinen in Aufkirchen ein unliebsames Aufsehen erregen könne. Vielleicht, wenn das Volk ihn sähe, würde es nicht glauben wollen, dass er wirklich krank sei. Er fügte sich. Vormittags wünschte er eine Orange zu essen. Man brachte sie ihm, doch ? ohne Messer, um sie schälen oder zerkleinern zu können. Er schickte die Frucht unberührt wieder zurück.
Das Mittagessen fand um vier Uhr statt der König aß allein. Bevor er sich zu Tisch setzte, fragte er einen der ihn bedienenden Wärter, ob Dr. Gudden im Zimmer gewesen wäre oder sich an den aufgetragenen Speisen und dem Wein zu schaffen gemacht hätte. Man verneinte.
Den König quälte eine besondere Furcht Er argwöhnte, dass man irgendein Mittel in sein Getränk mischen würde, das ihn in einen bewusstlosen oder stumpfsinnigen Zustand versetzen würde, und dass man ihn dann in dieser Verfassung seinem Volk zeigen würde, um ihm zu beweisen, dass man ein Recht gehabt habe, mit ihm so zu verfahren, wie es geschehen war.

Bald nach Tisch verlangte er den Stabskontrolleur Zanders zu sprechen, der sich in Berg befand. Dies war gegen die Vorschrift. Alle bisherigen Diener hatten von ihm entfernt werden müssen, damit er sich an seine neue Umgebung schneller gewöhne.
Ich lasse Zanders jetzt selbst sprechen, so wie er mir das letzte Zusammensein mit seinem unglücklichen Herrn geschildert hat:
"Mir war der Befehl von Graf Holnstein zugegangen," erzählte der Stabskontrolleur, "für den Aufenthalt des Königs in Linderhof alles in Bereitschaft zu setzen. Am 9. Juni nachts begab ich mich dorthin. Am anderen Tag erhielt ich ein Telegramm, das mich nach Hohenschwangau zurückrief. Bald darauf kam der Vorreiter Kolb nach Linderhof, von dem ich erfuhr, was sich inzwischen mit der Staatskommission zugetragen hatte. Freitags traf ich wieder in Hohenschwangau ein und wurde zum König gerufen. Ich fand ihn völlig apathisch, zu keinem Entschluss fähig, er schien sich in sein Schicksal ergeben zu haben. Am Samstag war ich bereits in Berg.
Am Sonntag kam nachmittags Dr. Gudden zu mir. Der König hatte soeben sein Diner eingenommen. Herr Stabskontrolleur, sagte der Doktor zu mir, der König bittet mich in einer Weise, sie zu ihm einzulassen, dass ich außerstande bin, es ihm noch länger abzuschlagen. Gehen sie auf eine halbe Stunde zu ihm hinein, aber geben sie mir vorher ihr Ehrenwort, dass sie mit ihm nicht etwa über Fluchtpläne sprechen, oder in ihm sonst irgendwie Hoffnung auf Befreiung erwecken."
Ich gab mein Wort und dachte mir insgeheim: Von jetzt an wird er mich wohl öfter zu ihm lassen, und jedes Mal wird er mir mein Versprechen nicht abfordern.
So ging ich hinein. Der König kam auf mich zu, mit blitzenden Augen, energisch, lebhaft wie in seinen besten Tagen ? ein ganz anderer als achtundvierzig Stunden zuvor.
Er zeigte mir die Vorrichtungen in den beiden Zimmern, die verschließbaren Fensterriegel, die Löcher in den Türen, alles, was ihn daran erinnern musste, dass man ihn für tobsüchtig hielt, und erzählte mir die Erlebnisse der letzten Tage, die Beschränkungen, die man ihm auferlegt hat die Verweigerung des Gottesdienstes und anderes.
"Glauben sie," fügte er hinzu, "dass man mich übers Jahr noch ebenso gefangen halten wird wie heute?"
Ich versuchte ihn zu beruhigen. Ich sagte, dass es ja vielleicht viel weniger Zeit bedürfen werde, um Majestät von seinem Nervenleiden herzustellen, und dass dann ja kein Grund mehr bestehen würde, ihn in ärztlicher Behandlung zu behalten.
"Glauben sie das wirklich?" fragte der König. "L'appetit vient en mangeant Mein Onkel Luitpold wird sich an das Regieren gewöhnen und soviel Gefallen daran finden, dass er mich nie wieder herauslässt"
Ich antwortete nichts. Der König änderte das Gespräch und fragte:
"Wie viele Gendarrnen sind wohl im Park, um mich zu bewachen?"
"Sechs bis acht, Majestät"
"Würden sie gegebenenfalls auf mich schießen?" fuhr der König fort.
"Wie können Majestät das denken?" entgegnete ich.
"Haben sie scharf geladen?"
"Sie haben gar nicht geladen," sagte ich.
Der König zog mich in eine Fensternische, als wollte er außerhalb des Bereiches seiner Beobachter vor den Türen sein. Ich musste es bemerken, dass er mir etwas besonderes mitteilen wollte. Mein an Gudden gegebenes Ehrenwort kam mir in den Sinn. Ich bat Majestät mich zu entlassen. Er wollte nochmals sprechen, ich wiederholte meine Bitte.
Da nahm sein Auge plötzlich jenen finsteren Ausdruck an, den es immer hatte, wenn sein Misstrauen gegen jemand erwachte. Er sagte nichts mehr, sondern gab mir das Zeichen der Entlassung.
Eine Viertelstunde später hatte er mit Gudden jenen letzten Spaziergang angetreten...
"Zeigte er Gudden offen seine Antipathie?" fragte ich an dieser Stelle den Erzähler.
"Nein," antwortete Zanders, "er war im Gegenteil mit ihm sehr liebenswürdig. Nur ließ er sich von ihm keinen Dienst erweisen. Als Gudden ihm am Vormittag bei der Rückkehr in das Schloss den nassen Schirm abnehmen wollte, ließ er es nicht zu, sondern trug ihn selbst an den dafür bestimmten Platz"
"Einen denkenden und erfahrenen Psychiater musste schon dieser an sich geringfügige Umstand aufmerksam machen," konnte ich mich nicht enthalten, zu bemerken.
Der Stabskontrolleur fuhr fort: "Wie wir alle hatte ich die letzten Nächte nicht geschlafen. Als der König mit Gudden in den Park gegangen war, dachte ich, dass ich mich nun etwas ausruhen könnte. Das Abendessen war auf acht Uhr festgesetzt. Ich legte mich in Kleidern auf mein Bett und schlief wie ein Toter. Ich weiß nur, dass ich von einem heftigen Rütteln aufwachte. Es war Nacht und neben dem Bett standen einige Hofleute, die mir zuriefen, dass der König und Gudden von ihrem Ausgang nicht zurückgekehrt seien, dass man den Park mit Fackeln absuche, ohne sie finden zu können.
Ich sprang auf und lief mit ihnen hinaus, es war gegen zehn Uhr. Man suchte überall, im Gebüsch, am Ufer. Einer von den Stallleuten kam zu mir und flüsterte mir zu, es gehe vom Parkweg eine Wagenspur nach Seeleiten hin. Mir kam der Gedanke: Da sind zwei kühne Männer in den Park eingedrungen, haben den Gudden irgendwie eingesperrt den König in den Wagen gerissen und sind mit ihm fort nach München hinein."
"An wen dachten sie dabei?" unterbrach ich den Erzähler.
Er nannte die beiden Namen.
Ich nickte. Es hatte einiges für sich, dass die Anhänglichkeit langer Jahre einen dieser Männer zu einem so gewagten Schritt veranlasst hätte.
"Der Herr von Washington stand in der Nähe," berichtete Zanders weiter. "ich gab dem jungen Burschen neben mir einen Wink, nichts weiterzusagen. Es ging durch meinen Kopf, wie alles nun werden könnte. Da, während ich mir die Folgen ausmale, höre ich plötzlich am Ufer des Sees ein lautes Geschrei sich erheben, und gleich darauf kommen einige herbeigestürzt:

"Sie haben ihn im See gefunden!"

Hier endet nun der Augenzeugenbericht des Dieners König Ludwig II., der sich zu Lebzeiten nicht getraute, seine Erinnerungen zu veröffentlichen, da er die skrupellosen Maßnahmen der Regierungsnachfolger fürchtete. Daß König Ludwig II. Opfer eines eis-kalten Mordplanes war, ist in Fachkreisen nicht mehr umstritten. Ebenso berechnend wie der König selbst, wurden im Laufe der Jahre nach seinem Tod all die Menschen, in "tragische Unglücksfälle" tödlich verwickelt, die von der Tötung des bayerischen Königs wußten. Diese "Unglücksfälle" waren zunächst gut getarnt, doch ergab bei systematischer Untersuchung der Todesumstände der in Schloß Berg zum Zeitpunkt des Todes anwesenden Diener, daß keiner eines natürlichen Todes starb. Ein Freund des Augenzeugen hielt es zweieinhalb Jahre nach dessen Tode für richtig und angemessen, die Erinnerungen dieses Dieners der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um Licht in so manchen dunklen Punkt der Ereignisse der letzen Tage König Lud-wigs II. zu bringen.

Alles übrige ist bekannt Ober dem Vorgang selbst ist das Dunkel bisher nicht gelüftet worden. Hatte der unglückliche Monarch das Leben von sich geben, hatte er fliehen wollen? Wer vermag es zu entscheiden? Am Ufer gegenüber weilten die Kaiserin von Österreich und andere, die vielleicht die Hand zu einer Flucht gereicht haben würden. Sie gelang nicht. Am nächsten Morgen durcheilte die Trauerbotschaft die Lande: "König Ludwig ist nicht mehr!"
Das war das Ende eines Menschenlebens, das vor den Augen einer staunenden, entzückten Welt gleich einer Wunderblüte aufgegangen war ? das Ende eines Mannes, dessen reiche Gaben einst zu den herrlichsten Hoffnungen berechtigt hatten.
Noch war der dritte der Unheil verkündenden Doppelfesttage nicht gekommen, doch schon hatte sich die düstere Prophezeiung des Nostradamus erfüllt:

Tout le monde pleurait.

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