Home Geschichten Die Kindheit und Jugend Ludwig II.
Die Kindheit und Jugend Ludwig II.

Um die Kindheit und Jugend Ludwig's ranken sich viele Geschichten und es gibt auch sehr viele Unklarheiten.
So ging man lange Zeit davon aus, daß Ludwig am selben Tag Geburtstag hatte wie sein Großvater Ludwig I., der im Jahre 1845 regierte. Heute weiß man, daß Ludwig aber bereits einen Tag früher zur Welt kam. Dies wurde aber verschwiegen, da man Ludwig I. eine Freude bereiten wollte....

Auf den folgenden Seiten nun eine Schilderung der Kindheit und Jugend Ludwig II. Diese entstand in Anlehnung an das Buch

>>König Ludwig II. von Bayern - in Augenzeugenberichten<<
Herausgegeben und eingeleitet von Rupert Hacker, erschienen im Karl Rauch Verlag.

Am 25. August 1845 , dem Tag des heiligen Ludwig, wird um halb ein Uhr nachts in Schloß Nymphenburg bei München dem bayerischen Kronprinzen Maximilian und seiner Gattin Marie der erste Sohn und Thronfolger geboren. Allenthalben herrscht großer Jubel, auch über das Datum der Geburt, denn der kleine Prinz ist am gleichen Tag auf die Welt gekommen wie 59 Jahre vorher sein Großvater, der regierende König Ludwig I. Über das freudige Ereignis berichtet Kronprinz Max seinem Schwager, dem Prinzen Adalbert von Preußen:

Diese Zeilen sollen Dir die frohe Botschaft bringen, daß der Herr unsere teuere Marie mit einem holden, starken Knäblein gesegnet hat, und zwar an meines Vaters Geburtstag, worüber er innig erfreut ist. Sei fest überzeugt, daß ich den ernsten, Gott sei Dank! - nun glücklich überstandenen Augenblick mir keineswegs leicht gedacht und ihn zu leicht genommen, sondern auf alles Bedacht genommen habe. Auch mit Tante Luise wurde rechtzeitig gesprochen; während der Entbindung war sie aber mit Tante Elise in Tegernsee; nur meine beiden Eltern wohnten ihr bei, sie wollten nicht fehlen; meine Mutter stand Marien mit aller Liebe bei;

daß ich selbst ihr Schmerzenslager fast nicht verließ, kannst Du Dir denken, so auch, was ich während der langen Zeit litt. Gegen 4 Uhr morgens begannen zwar nur ganz leise die Wehen, Marie sagte es mir nach 6 Uhr und 12 ½ nachts waren sie erst beendet, wo der Kleine das Licht der Welt erblickte. Der Augenblick, wo das Kind den ersten Schrei tat, war ein herrlicher. Die gute Marie hatte plötzlich alle Schmerzen vergessen; sie litt lange und viel und benahm sich sehr schön, sogar rührend dabei. Sie, wie der Kleine, sind, Gott sei Dank!, recht wohl und schlafen viel und lang; es ist doch ein prächtiges Gefühl, Vater zu sein.

Kronprinzessin Marie, eine geborene Prinzessin von Preußen, verzeichnet Geburt und Taufe ihres Sohnes in der Familienchronik:

Ludwig Friedrich Wilhelm wurde am Montag, den 25. August, früh 12 ½ Uhr zu Nymphenburg geboren, über dem Schlafzimmer, in welchem Max Josef I. starb. König Ludwig I., der dabei war, war hocherfreut, den Enkel an seinem Geburtstage und in derselben Stunde, in welcher er einst geboren ward, geboren werden zu sehen. Außer Max und seinen Eltern waren Tante von Leuchtenberg, Onkel und Tante Eduard im Zimmer. König Ludwig I. umarmte einige Personen des Hofes vor Freude. 101 Kanonenschuß verkündeten in München die Geburt; der Ort Nymphenburg wurde geziert und beleuchtet. Dienstag, den 26. August, war im großen Saal die feierliche Taufe durch den Erzbischof Gebsattel. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und Königin Elisabeth waren schon am 25. mittags von Tegernsee mit Onkel Karl und Tante hereingekommen.


Die königliche Familie

Das feierliche Zeremoniell der Taufe schildert Ludwig Hauff in seiner Biographie des Königs Max:

Die Taufe vollzog in Gegenwart des Königs Ludwig, des Königs und der Königin von Preußen, des Kronprinzen und der weiter unten genannten Personen der Erzbischof von München-Freising unter Assistenz des kgl. Kapelldirektors und Stiftspropsts Dr. Reindl und der übrigen Geistlichkeit. Zu diesem Zwecke wurde ein Altar, respektive Tauftisch, auf der zunächst der Haupttreppe rechts gelegenen Seite des großen Saales errichtet, auf der gegenüberstehenden Seite waren für die königlichen Majestäten und sonstigen Personen Plätze. Um 1 ¾ Uhr versammelten sich in den Appartements Ihrer Majestät der Königin zu Nymphenburg die allerhöchsten und höchsten Herrschaften, und um 1 ½ Uhr fand sich der Dienst derselben in dem den Appartements der Königin zunächst gelegenen Tafelzimmer ein; der Erzbischof und die Geistlichkeit erwarteten den Anfang der Taufhandlung in der Galerie zwischen den Gemächern der Königin und dem Taufsaal. [...] Nachdem die Könige und Königinnen usw. in den erwähnten Appartements versammelt waren, wurde der Neugeborene von der Obersthofmeisterin der Kronprinzessin dahin getragen, und vier kgl. Kämmerer hielten die Enden des Tauftuches. Sofort verfügten sich die kgl. Familie und die übrigen Geladenen in der vorgeschriebenen Ordnung in den Taufsaal, und der Kronprinz ging dabei mit der Herzogin von Leuchtenberg, der Prinz Luitpold mit der Herzogin Luise von Bayern. Auf den Treppen und Gängen trugen die kgl. Pagen, in den Gemächern die Obersthofmeisterin und die Hofdamen den Königinnen, und den kgl. Prinzessinnen die Pagen die Schleppen. Im Taufsaal angelangt, nahmen die Majestäten und Prinzen die ihnen zukommenden Plätze gegenüber dem Tauftische ein, vor welchen Kniebänke gestellt waren. Das Gefolge stellte sich teils rückwärts, teils zu beiden Seiten auf; die Obersthofmeisterin legte den Täufling auf den Tauftisch, Prinz Adalbert stellte sich mit der Kerze an denselben, bei welchem eine Kniebank mit Stuhl bereitstand.

Auf Befehl des Königs führte der königliche Kammerfourier den Erzbischof mit der Geistlichkeit ein; der Erzbischof eröffnete die Taufhandlung mit einer kurzen Ansprache, und der kgl. Oberstkämmerer führte sodann die Paten, den König Ludwig und die Königin Therese, zum Tauftische. Der König Ludwig beantwortete die ihm nach kirchlichem Ritus vorgeschriebenen Fragen, und nach beendigter Taufe begaben sich der König und die Königin auf ihre Plätze zurück und warteten daselbst das Ende des vom Erzbischofe angestimmten Te Deums ab; das hiebei zur Vokalmusik notwendige Personal der kgl. Hofkapelle befand sich auf der Galerie des Taufsaales. Eine zahllose Menschenmenge war vor dem Schlosse und auf der Straße nach Nymphenburg bis zum späten Abend in ununterbrochener freudiger Bewegung, viele Häuser auf dem Wege dahin und in Neuhausen waren mit Flaggen, Blumen und Kränzen geschmückt und bei anbrechender Dunkelheit festlich erleuchtet; die schönste Witterung begünstigte die frohe Feier.

Die zarte Gesundheit des kleinen Prinzen gibt schon im ersten Lebensjahr zu Besorgnissen Anlaß. Seine Mutter trägt in die Familienchronik ein:

1846 im März/April war Ludwig in München todkrank, während wir an Mamas Sterbebett geeilt waren. Seine Amme starb am Nervenfieber; er mußte entwöhnt werden. König Ludwig gab nicht zu, daß er uns nach Berlin nachgeschickt werde, da er sehr geschwächt war und es noch lange blieb.

Nach den revolutionären Wirren, die im »Freiheitsjahr« 1848 auch in München ausbrechen, dankt König Ludwig I. am 20. März 1848 zugunsten seines Sohnes Maximilian ab. Mit der Thronbesteigung von König Max II. wird der zwei-einhalbjährige Ludwig Kronprinz. Schon bald deuten sich seine späteren künstlerischen Neigungen an. Im Jahre 1851 vermerkt Königin Marie in ihrer Chronik:

Frühzeitig entwickelte sich bei Ludwig Freude an der Kunst; er baute gern, besonders Kirchen, Klöster und dergleichen.

Ludwig II., der geniale Kunstfreund und Bauherr, äußert sich über diesen Wesenszug des Enkels in einem Brief an seinen Sohn, König Otto von Griechenland:

Bei der Christbescherung 1852 bekam [..] Ludwig das Siegestor aus Baustein-Holzen, das er errichten kann. Zu bauen liebt er, vorzüglich, überraschend, mit gutem Geschmack sah ich Gebäude von ihm ausgeführt. Ich erkenne auffallende Ähnlichkeit im künftigen Ludwig II. mit dem politisch-toten Ludwig I., auch in seiner anhänglichkeit an seine Erzieherin finde ich mich wieder [...].

Ähnlich berichtet Marie Schultze, eine vertraute Freundin der Königin Marie:

Schon als Kind hatte Kronprinz Ludwig ausgesprochene Vorliebe für das Baukastenspiel. Auch beschäftigte er sich gern damit, ein heiliges Grab aufzustellen, zu schmücken und mit Lichtern zu versehen.

Der kleine Ludwig ist überhaupt ein phantasiebegabtes Kind, wie die weiteren Aufzeichnungen seiner Mutter bezeugen:

Ludwig hörte mit Freuden zu, wenn ich ihm biblische Geschichte erzählte und Bilder dazu zeigte. Besonders die Geschichte der Samariterin sprach ihn an und die Sonntagsevangelien. Er hatte eine Vorliebe für die Frauenkirche in München, kostümierte sich gern als Klosterfrau, zeigte Freude am Theaterspielen, liebte Bilder und dergleichen, hörte gern vorlesen und Geschichten erzählen und schenkte von Kindheit an gern anderen von seinem Eigentum, Geld und Sachen.


Marie und Ihre Söhne

Der erste und liebste Spielgefährte des Kronprinzen ist sein um drei Jahre jüngerer Bruder Otto. Marie Schultze schreibt in der Biographie der Königin:

Nachdem im Laufe der Erzählung vielfach von den beiden Prinzen die Rede war, ist noch Ausführlicheres über dieselben zu berichten, und gewiß ist es von Interesse, einiges aus ihrer Kindheit zu hören, da sie, die Lieblinge des Volkes, in der Tat auch die anmutigsten und schönsten Kinder waren, die man sich denken konnte. Es wohnte ein Himmel von Glückseligkeit in dem Mutterherzen, das da sagen konnte:

»Sie sind mein.« So sehr sich die kindlichen Gesichter ähnlich waren, so waltete doch auch wieder eine ersichtliche Verschiedenheit: der Kronprinz mit dunklem Haar und dunklen Augen; Prinz Otto dagegen blond und zart. Die Königin ging gern mit ihnen durch die Straßen Münchens; besonders in der Maximilianstraße, die damals im Entstehen war, sah man sie viel, ein reizendes Bild: die noch jugendliche Königin zwischen den aufwachsenden Söhnen!, wie manchen von uns mag es in lieber Erinnerung sein! Die erste Pflege der königlichen Kinder war dem Fräulein Meilhaus, späteren Baronin Leonrod, anvertraut gewesen. Da aber Kronprinz Ludwig sein siebentes Jahr zurückgelegt hatte, kam Graf La Rosée als Erzieher zu ihm und blieb bis zur Volljährigkeit des Prinzen. Unter ihm waren bei beiden Prinzen zuerst Baron Wulffen, dann Major von Orff.

Von Sibylle Meilhaus, der von ihm geliebten Erzieherin seiner ersten Kinderjahre, trennt sich der Kronprinz nur mit Schmerzen, als sie 1854 den Hof dienst verläßt; er hat ihr sein ganzes späteres Leben hindurch eine treue Anhänglichkeit bewahrt. Der neue Erzieher, Generalmajor Graf Theodor Basselet de La Rosée, übt auf Ludwig keinen günstigen Einfluß aus, da er die in dem jungen Gemüt ohnehin vorhandenen Keime eines übertriebenen Selbstgefühls bestärkt. Daß dies auch durch andere Personen in der Umgebung des Kronprinzen geschieht, berichtet Luise von Kobell, die Gattin des späteren langjährigen Kabinettssekretärs Eisenhart:

Die Amme des Neugeborenen betete den Säugling an, die Kinderwärterin desgleichen. Als er dem Wiegen- und Schlummerleben entwachsen war, bekam der nunmehrige Kronprinz eine Bonne, die aus reiner Zuneigung dessen Selbstgefühl hegte und pflegte.

»Der Kronprinz ist stets der Erste«, meinte sie, und danach hatte man sich bei den Spielen des Thronerben mit seinem jüngeren Bruder, Prinz Otto, und mit eingeladenen Knaben zu richten.

Gottfried von Böhm, zur Zeit Ludwigs II. als Jurist und Ministerialbeamter tätig, später Verfasser der grundlegenden Biographie des Königs, erzählt über die Einladungen bei den königlichen Prinzen:

Sonntags wurden den beiden Prinzen Ludwig und Otto gleichaltrige Adelige aus der Stadt eingeladen, aber auch der Sohn des damals noch bürgerlichen Leibarztes, Max von Gieti, der mir folgende Mitteilungen machte. Das Streben ging dahin, den beiden Prinzen die ihnen damals innewohnende Schüchternheit zu benehmen. Es wurde daher besonders das Kriegsspiel und Soldatenspiel begünstigt. Schon bei den kindlichen Spielen wollte der Kronprinz immer der erste sein und wenn Fronleichnamsprozession gespielt wurde, schritt er bereits in der stolzen Art einher, die ihm später eigen war.

Es war den geladenen Knaben verboten, den Prinzen die Hand zu küssen und sie mit »Königliche Hoheit« anzureden. Gäste aber, die sich nicht höflich benahmen, wurden bei der nächsten Einladung übergangen, so einmal Graf Tony Arco, weil er dem Kronprinzen eine Ohrfeige gegeben hatte.

Eine für die Gebefreudigkeit des kleinen Ludwig charakteristische Anekdote wird von dem Redakteur Ludwig Schaufert überliefert:

Als Kind begleitete einst der König seinen Vater nach Bayreuth, wo König Max in der Eremitage Absteigequartier nahm. Bei dem ersten Mittagessen dortselbst beobachtete der siebenjährige Kronprinz längere Zeit den vor der Glastüre auf- und abgehenden Posten. - Plötzlich wandte er sich an den König:

»Papa! Darf ich dem Soldaten etwas von meinem Essen geben?«

»Nein, mein Kind«, sagte der König freundlich, »der darf nichts annehmen, weil er auf Wache steht.«

Das schien nicht recht in den Kopf des Kronprinzen hinein zu wollen, und nach einigem Nachdenken wandte er sich wieder an den König:

»Ei, Papa! Wenn der Soldat nichts nehmen darf, so will ich mich ganz leise an ihn heranschleichen und ihm heimlich etwas in die Tasche stecken.«

 

Im Volksschulalter beginnt für den kleinen Kronprinzen der erste Unterricht. Königin Marie urteilt:

Ludwig lernte und faßte schnell [auf], er lernte aber nicht so gern wie Otto.

Den Sommer verbringt die königliche Familie meist in Schloß Hohenschwangau bei Füssen, das Max II. in neugotischem Stil wiederherstellen und mit romantischen Fresken aus der altdeutschen Sage und Geschichte schmücken ließ. An Sibylle Meilhaus schreibt der neunjährige Kronprinz im Sommer 1854:

Ich danke Dir für Deinen lieben Brief und bin erfreut, daß Du Dich immer an mich erinnerst. Die Blümchen werde ich als freundliche Erinnerung an Dich bewahren. Otto und ich sind gesund und vergnügt. Wir machen täglich mit Graf La Rosée schöne Spaziergänge, pflücken Blumen, fangen im Alpsee Fische und jagen den Schmetterlingen nach. Am Sonntage sahen wir die Fronleichnamsprozession in Füssen. Alle Tage habe ich meine Lernstunden wie in München.


Die Wittelsbacher Brüder

Seit 1856 wird der Kronprinz in den Gymnasialfächern unterrichtet, wobei er einen umfangreichen Lernstoff bewältigen soll. Durch Arbeit und karges Essen will man die Prinzen zu Mäßigung und Einfachheit erziehen. Hierzu Gottfried von Böhm:

Die Lebensweise der beiden Prinzen war eine sehr einfache. Es gehörte zu den Torheiten der damaligen vornehmen Erziehung, daß man Kinder sich nicht satt essen ließ, und der künftige König war sehr froh, wenn ihm die treue Wärterin Lisi und Lakaien zuweilen Proviant aus der Stadt mitbrachten oder etwas von ihrer reichlicheren Kost mitteilten.

Für jugendliche Streiche und Pflichtversäumnisse werden die Prinzen unnachsichtig bestraft. Durch diese strenge Erziehung will der Vater, König Max II., seine Söhne zu tüchtigen, arbeitsamen Fürsten machen. Er selbst ist ein gewissenhafter, pflichteifriger Gelehrtentyp, der stets das Beste

will und für sein Land segensreich wirkt, aber durch Bedenken und Zweifel vielfach in seinen Entschlüssen gehemmt wird. Der bayerische Diplomat Graf Lerchenfeld schildert ihn folgendermaßen:

König Max war ein guter, parlamentarischer König, kein Mann von eigenen Ideen und starkem Willen. [...] Äußerlich war König Max ein sehr vornehm aussehender Herr; nur mittelgroß, aber schlank und gut gewachsen, mit einem feingeschnittenen Gesicht. Sein Auftreten war stets gemessen, etwas steif, aber nie unfreundlich. Daß er besonders volkstümlich gewesen wäre, läßt sich kaum sagen. Man schätzte seine guten Eigenschaften, sein überlegtes Wesen, seinen gesunden Verstand, man hatte ihn gern, schon weil er der König war, aber große Begeisterung erweckte die doch kühle Natur des Herrn im Volke nicht. [...] Wie sein Vater, König Ludwig I., sein ganzes Leben die Künste gepflegt hatte, so machte sich König Max die Pflege der Wissenschaften in seinen Landen zur Aufgabe, ohne Zweifel mit Erfolg. [...] Der König verkehrte auch gerne in der gelehrten Welt und war sein ganzes Leben hindurch darauf eifrig bedacht, den Kreis seiner eigenen Kenntnisse zu erweitern.

Zu seinen Söhnen findet Max II. kein vertrauensvolles Verhältnis, besonders dem ganz anders gearteten Kronprinzen steht er innerlich fremd gegenüber und nimmt an seinem Entwicklungsgang wenig Anteil. Hierüber erzählt Franz von P fistermeister, der langjährige Kabinettssekretär Max. II. und Ludwigs II; in seinen Erinnerungen:

Der König sah seine beiden Söhnchen, die Prinzen Ludwig und Otto, des Tages nur ein- oder zweimal, mittags beim zweiten Frühstück und abends bei der Hoftafel, gar selten in den Zimmern, wo sie aufwuchsen. Dabei reichte er ihnen meist nur die Hand zum Gruße und empfahl sich schleunigst. Es kostete, als der Kronprinz schon seiner Volljährigkeit nahestand, viel und lange Mühe, den König zu bewegen, seinen ältesten Sohn auf den Morgenspaziergang im Englischen Garten (von 9-10 Uhr) mitzunehmen. Das wiederholte sich jedoch nur wenige Male. Der König äußerte: was soll ich mit dem jungen Herrn sprechen? Es interessiert ihn nichts, was ich anrege.

Die Erinnerung an seinen verfehlten Erziehungsgang und an das kühle Verhältnis zu seinem Vater hat Ludwig zeitlebens belastet. Als Dreißigjähriger schreibt er an den Kronprinzen Rudolf von Österreich:

Du bist sehr zu beglückwünschen, eine so durch und durch ausgezeichnete, verständnisvolle Erziehung genossen zu haben, ein Glück ferner ist es auch, daß der Kaiser persönlich so lebhaft für Deine Ausbildung sich interessiert. Bei meinem Vater ist dies leider ganz anders gewesen, stets hat er mich de haut en bas [von oben herab] behandelt, höchstens en passant einiger gnädiger, kalter Worte gewürdigt. Diese eigentümliche Art und sonstige Erziehungsmethode wurde aus dem sonderbaren Grunde beliebt, weil es bei seinem Vater ebenso gehalten wurde.

Die Mutter des Kronprinzen, Königin Marie, in ihrer Jugend eine gefeierte Schönheit, ist eine gütig-freundliche, aber beschränkte Frau ohne alle geistigen Interessen. Paul Heyse, einer der Mitglieder des Münchner Dichterkreises um Max II., berichtet über sie:

Trotz alles Bemühens aber war es nicht gelungen, der Königin Interesse an Literatur und Poesie einzuflößen. Ihr war nur wohl im leichtesten Geplauder und besonders in der freien Luft des Gebirges, das sie unermüdlich nach allen Richtungen zu durchstreifen liebte. Auch am Theater fand sie keinen Geschmack und sah, wenn sie doch einmal mit dem Könige in ihrer Proszeniumsloge erschien, lieber ins Publikum als auf die Bühne.

Zum Herzen ihrer Kinder findet Königin Marie keinen rechten Zugang. Franz von Pfistermeister in seinen Aufzeichnungen:

Auch die Königin verstand es sehr wenig, ihre Prinzchen an sich anzuziehen. Sie besuchte sie zwar häufiger in ihren Zimmern, wußte sich aber nicht mit ihnen abzugeben, wie Kinder es eben verlangen. Das zog die Söhnchen auch nicht an die Mutter.

Entscheidende Eindrücke vermittelt dem jungen Kronprinzen der jährliche Sommeraufenthalt in dem zwischen Bergen und Seen herrlich gelegenen Hohenschwangau. In seinen Briefen an den Großvater, König Ludwig I., schildert der Enkel regelmäßig seine Erlebnisse, so am 23. 8. 1857:

Vorigen Montag kamen wir hier an, nachdem wir acht Tage in Nymphenburg gewohnt hatten. Anfangs war die Witterung zu größeren Partien nicht günstig; nachdem es aber gestern schön geworden war, durften wir zu unserer großen Freude den Säuling besteigen. Wir verließen mit der Mutter Hohenschwangau um ½ 9 Uhr und gelangten gegen l Uhr auf die Spitze desselben, die eine sehr schöne Aussicht bietet; unter anderem sieht man München und die Ortler-spitze. Um 4 Uhr machten wir uns auf den Rückweg und waren um 7 Uhr wieder in der Ebene, ohne daß selbst Otto sich übermüdet fühlte.

Oder am 22. August 1861:

Wir bringen hier unsere Vakanz recht angenehm zu und benützten die schönen Tage teils zu Ausflügen, teils zum Fischen im Alpsee, dessen klares, mildes Wasser uns auch zum Schwimmen sehr angenehm ist. [...] Neulich fing ich einen achtpfündigen Hecht, was mich so freute, daß ich ihn durch Albert [den Hof photographen], der sich gerade hier befand, photographieren ließ.

Zuweilen hält sich die Königsfamilie während des Sommers auch in Berchtesgaden auf. Von hier aus berichtet Ludwig seinem Großvater am 21. August 1858:

Hier unterhalten wir uns sehr gut, indem wir viel Spazierengehen und zuweilen Vögel - besonders Neuntöter - schießen. Wir machten auch schon einige hübsche Ausflüge an den Obersee, die Eiskapelle und nach Wimbach. Außerdem bestiegen wir die Scharitzkehl- und Königstalalpe, von welcher man eine sehr schöne Aussicht hat.

 

Das Erlebnis der Bergwelt, die er auf den sommerlichen Ausflügen kennenlernt, gehört zu den lebenslang fortwirkenden Eindrücken des jungen Kronprinzen. Ebenso unauslöschlich prägt sich dem phantasiebegabten Knaben die romantische Sagenwelt ein, die ihm in den Wandgemälden von Schloß Hohenschwangau entgegentritt. Hierüber Luise von Kobell:

Einen häufig wiederholten Anschauungsunterricht gaben ihm die Abbildungen mittelalterlicher Sagen an den Wänden des Schlosses Hohenschwangau, und einen unwiderstehlichen Einfluß übte auf ihn der Anblick des Schwanes, dem man dort in allen möglichen Darstellungen auf Schritt und Tritt begegnet. Der alljährliche Aufenthalt in dieser Ritterburg regte Ludwigs lebhafte Phantasie um so mehr an, als seines Vaters Hang zur Romantik erblich auf Ludwig übergegangen war, gleich seines Großvaters Kunstliebe und Baulust.

Auch der Dichter Karl von Heigel betont die Wirkung dieser Kindheitseindrücke:

Wenn der junge Ludwig sommers nach Hohenschwangau kam, winkte ihm auch in diesem Elternhaus die Vergangenheit - Sage und Geschichte - lockend von den Wänden. Da sah er den Schwanenritter Lohengrin, wie er auf dem Rhein ins Horn stößt, um dem Kaiser sein Nahen zu verkünden; da die Mutter Karls des Großen im stillen Würmtal, harrend auf ihren Retter und Rächer; da den hünenhaften Langobarden Autaris und seine bajuwarische Braut Trudelinde. Seine Ahnen sah er hoch auf gewappnetem Roß, mit gezücktem Schwert im ewigen Rom und unter den Palmen am Nil. Da sah er alle die Kaiser und Herzöge, Minnesänger und Kreuzritter aus der Chronik von Hohenschwangau [...].

Wenn Ludwig vom Burggärtchen, wo ein hoher Springquell rauscht, ins Weite blickte, mußte er die Welt schön finden. War es nicht natürlich, daß die junge Einbildungskraft die schöne Welt mit jenen hohen farbigen Gestalten bevölkerte?

 

Über das phantasievolle Gemüt des Kronprinzen urteilt die Freundin der Königin, Marie Schultze:

Der Kronprinz hatte eine sehr rege Phantasie, einen erhabenen Gedankenflug und ein hohes Streben; sein Geist beschäftigte sich am liebsten mit poetischen Gestalten; alles Unschöne, Unfeine lag seiner ideal gestimmten Natur ferne und berührte ihn peinlich. Ebenso peinlich, ja geradezu schmerzlich war es ihm, wenn er in seiner Idealwelt nicht verstanden wurde; in solchen Fällen zog er sich scheu auf sich selbst zurück. Dazu hatte er ein bei seiner ungewöhnlichen Begabung naheliegendes, sehr ausgesprochenes Selbstgefühl.

Dieses ausgeprägte Selbstgefühl äußert sich bei manchen Knabenstreichen des Kronprimen:

Es war im Sommer des Jahres 1857 während des Aufenthaltes des Hofes in Berchtesgaden. Die beiden Prinzen Ludwig und Otto, ersterer zwölf, letzterer neun Jahre alt, befanden sich ohne Aufsicht im Park der königlichen Villa. Als ein Hofbeamter zufällig des Weges kam, bot sich ihm folgendes Schauspiel: Prinz Otto lag an Händen und Füßen gebunden auf dem Rasen, ein Knebel steckte ihm im Munde, und um den Hals hatte er ein Sacktuch geschlungen, an welchem der zwölfjährige Ludwig heftig zerrte. Der Hofbeamte eilte erschrocken hinzu, um den schwächlichen Prinzen Otto zu befreien, doch Prinz Ludwig widersetzte sich ihm, indem er zornig rief: »Er ist mein Vasall und wagt es, ungehorsam zu sein - ich muß ihn hinrichten!« Der Beamte mußte Gewalt anwenden, um den Prinzen Otto aus seiner Situation zu befreien. König Max II. war ebenso erschrocken als erzürnt, als er davon vernahm, und diktierte dem Kronprinzen Ludwig eine empfindliche Strafe. Dieser war darüber so erbittert, daß er für alle Zeit eine heftige Abneigung gegen Berchtesgaden faßte und auch nie wieder seinen Fuß hinsetzte.

Ludwig Schaufert, der diesen Vorfall erzählt, erlebt zwei Jahre später selbst eine ähnliche Episode:

Daß der kleine Kronprinz sich »fühlte«, wie man zu sagen pflegt, davon habe ich persönlich im Winter 1859 mich zu überzeugen Gelegenheit gehabt. Ich wohnte damals in der Königinstraße am Englischen Garten. Der Weg zu lieben Freunden und Bekannten in der Sonnenstraße führte mich täglich am Nachmittag zur nämlichen Stunde nach dem Kollege durch die Königinstraße gegen den Hofgarten hin, wo ich den beiden Prinzen mit ihrem Erzieher immer an derselben Stelle begegnete. Natürlich begrüßte ich dieselben jedesmal mit geziemender Achtung, aber es kam bald dahin, daß sie meinen Gruß nicht erst abwarteten, sondern oft schon dankten, ehe ich denselben noch darbringen konnte.

Eines Tages hatte Prinz Otto sich einen Schneeballen gemacht und rief seinem Bruder freudig zu: »Siehst du, Ludwig, ich habe einen Schneeballen, der ist größer wie dein Kopf. «Der Kronprinz riß ihm denselben sofort aus der Hand, was dem kleinen Prinzen Otto die bittersten Tränen entlockte. Der Erzieher, dadurch auf das Treiben der beiden Prinzen aufmerksam gemacht, fragte, was es gäbe.

»Ludwig hat mir meinen Schneeballen genommen«, rief Prinz Otto.

»Königliche Hoheit«, wandte sich der Erzieher an den Kronprinzen, »das geht nicht; wenn Prinz Otto sich einen Schneeballen gemacht hat, so gehört er ihm, und Sie dürfen ihm denselben nicht nehmen.«

»Wie«, rief der Kronprinz mit blitzenden Augen, »ich dürfte diesen Schneeballen nicht haben! Wozu bin ich denn Kronprinz!«

Wohl oder übel mußte er, von dem Erzieher belehrt, daß auch für einen Kronprinzen die Gerechtigkeit die Richtschnur des Handelns sein müsse, denselben dem Prinzen

Otto wiedergeben, was diesen sichtlich freute, aber nicht verhinderte, nach wenigen Schritten schon ihn wieder wegzuwerfen.

Es war dies das einzige Mal, wo mein Gruß keine Beachtung und Erwiderung gefunden.

Zu jener Zeit noch trugen die beiden Prinzen ganz kurze Wämser, wie sie heutzutage noch in einigen Landgemeinden getragen werden, eine Tracht, die dem schlank und schmächtig aufgeschossenen Kronprinzen äußerst schlecht stand. Was das Aussehen anbelangt, so war der Kronprinz zu damaliger Zeit nicht schön zu nennen. Die bleiche, etwas ins Graue spielende Gesichtsfarbe kontrastierte eigentümlich mit dem großen schwarzen Auge; die Wangen waren hohl, und nur die feingeschnittenen Gesichtszüge verrieten die Spur jener späteren Schönheit, durch welche der König berühmt war. -Prinz Otto dagegen, welcher damals noch nicht auf Kosten der runden kindlichen Formen aufgeschossen war, konnte als Bild bezaubernder jugendlicher Schönheit gelten, wie er denn überhaupt der königlichen Mutter noch ähnlicher sah [...]. Außerdem hatte er einen weit elastischeren Gang, während der Kronprinz schon damals denselben auffälligen Gang hatte wie König Ludwig I., der immer mit seinen Knien das Kinn berühren zu wollen schien, wodurch ein förmliches Übereinanderwerfen der Beine entstand.

Ergänzend berichtet Luise von Kobell:

Obgleich er seinen Bruder Prinz Otto gern mochte, machte er doch stets seine Überlegenheit ihm gegenüber geltend, um so mehr als sich der liebenswürdige, jovialere Prinz Otto den Launen und Wünschen des Thronerben meist willig fügte. Bei der Verschiedenheit ihrer Naturen ist es erklärlich, daß die Geschmacksrichtungen wesentlich auseinandergingen, der Kronprinz liebte die Einsamkeit, Prinz Otto die Geselligkeit. Dieser interessierte sich für das Militär, jener für die Kunst. Ludwig fand ein Vergnügen am Botanisieren und am Fischen, Prinz Otto am Jagen; die Lust am Reiten jedoch war beiden schon in der Kindheit zu eigen, und beide wurden tüchtige Reiter; als König trieb Ludwig diesen Sport sogar bis zur Tollkühnheit.

Das Äußere des Kronprinzen in seinem siebzehnten Lebensjahr schildert Ludwig Schaufert:

Gelegentlich einer Reise nach Bad Kreuth habe ich den König vor seiner Thronbesteigung zum letzten Male 1862 gesehen. Zu jener Zeit war er ein schlank gewachsener Jüngling, immer noch etwas schmächtig, aber doch schon nicht mehr so »eckig« wie früher, der Körper begann schon etwas vollere Formen zu zeigen, die Gesichtsfarbe schien mir etwas frischer, aber mehr ins Bräunliche übergehend, und der noch zarte, flaumartige Anflug eines dunkelbraunen Schnurrbärtchens stand dem damals siebenzehnjährigen Kronprinzen allerliebst. Ich konnte durchaus nichts Finsteres an ihm entdecken, es lag vielmehr wie heller Sonnenschein auf seinem fein und edel geschnittenen Gesicht, und das große schwärmerische Auge schien heiter und glücklich in die Welt und Zukunft zu blicken. Das lebhafte, quecksilberartige Naturell wie Prinz Otto besaß der Kronprinz allerdings nicht, er war in seinem Benehmen vielmehr zurückhaltend, fast schüchtern [...].

 

Kronprinz Ludwig zeigt früh einen Hang zu Tagträumen. Luise von Kobell erzählt:

»Aber Euere Königliche Hoheit müssen sich ja ohne jegliche Beschäftigung langweilen, weshalb lassen Sie sich nicht etwas vorlesen?« fragte ihn teilnehmend eines Tages der Stiftspropst von Döllinger, da er den Kronprinzen allein auf einem Sofa sitzend im verdunkelten Zimmer antraf. »Oh, ich langweile mich gar nicht«, gab Ludwig zur Antwort, »ich denke mir verschiedene Dinge aus und unterhalte mich sehr gut dabei.«

Der phantasievolle Gedankenflug Ludwigs findet bei seiner Umgebung keinen Widerhall. Vor allem das einfache Gemüt der Königin Marie kann den schwärmerischen Sinn ihres Sohnes nicht begreifen:

Zu jener Zeit [etwa 1862] war es, wo der so ideal angelegte Kronprinz gleichsam in einem Freuden- und Sinnenrausch unsere deutschen Klassiker verschlang und seiner kühnen Phantasie, wie man zu sagen pflegt, alle Zügel schießen ließ. - Da war es, wo er, zu den Füßen der königlichen Mutter sitzend, ihr seine Begeisterung mitzuteilen suchte und sich bitter enttäuscht sah, als er statt dessen durch das nüchterne und praktische Urteil der schlichten Frau immer wieder zur nackten Wirklichkeit zurückgerufen wurde.

Ähnlich wie Ludwig Schaufert berichtet Luise von Kobell über den Kronprinzen:

Wie ein Stich ging es dem jungen Wittelsbacher durchs Herz, wenn er in der Familie wegen einer »Überspanntheit« ausgelacht wurde; ein nüchternes Wort seiner Mutter, das in seine Ekstase fiel, verdroß ihn bis ins Mark. Schwer vergaß er eine ihm mißfällige Bemerkung oder Begebenheit, und wo er konnte, mied er Menschen, selbst Gegenden, die unangenehme Erinnerungen in ihm wachriefen.

Entscheidend wird für den heranwachsenden Kronprinzen die Begegnung mit den Werken Richard Wagners, in denen er die geliebte deutsche Sagenwelt wiederfindet. Einen gewaltigen Eindruck auf Ludwig macht die erste Opernaufführung seines Lebens, der er am 2. Februar 1861 beiwohnt;

es ist »Lohengrin«. Tief bewegt sieht der fünfzehnjährige Kronprinz die ihm von Kindheit an vertraute Gestalt des Schwanenritters auf der Bühne Wirklichkeit werden. Gottfried von Böhm:

Der Kronprinz vergoß darüber Tränen höchsten Entzükkens, lernte in der Einsamkeit seines Zimmers und des Parkes das Textbuch und die übrigen Dramen Wagners auswendig und las »mit brennender Begier« auch die Prosaschriften Wagners, besonders das »Kunstwerk der Zukunft«, das er anläßlich eines Besuches bei Herzog Max auf dem Klavier liegen sah und das besonders durch das Wort »Zukunft« seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben soll.

Die Hofdame der Königinmutter, Gräfin Fugger, die ihm gleichfalls Werke von Wagner schenkte, und andere Persönlichkeiten des Hofes glaubten durch die etwas schwierige Lektüre dieser Werke die Begeisterung des Kronprinzen für Wagner abzukühlen; allein sie täuschten sich. Der Gedanke an die Heldengestalten der Wagnerischen Werke spann fort in seiner regen Phantasie; er ließ sich nach seinen eigenen Angaben von seinem Zeichenlehrer, Leopold Rottmann, Kostüme, Szenerien und Gestalten aus jener Sphäre malen und hielt auf seinen Spaziergängen Umschau nach Gestalten vom Typus des Schwanenritters.

Neun Jahre später schreibt Ludwig im Rückblick auf seine erste Lohengrin-Auffiihrung an Wagner:

So schlecht sie war, so verstand ich doch das Wesen dieses göttlichen Werkes zu erkennen: in seiner Aufführung ward der Keim gelegt zu Unsrer Liebe und Freundschaft bis zum Tod, von dort an ward der bald zur mächtigen Flamme werdende Funke für Unsre heiligen Ideale in mir entzündet.

Und zehn Jahre nach der Aufführung bekennt er:

Unzerreißbar ist das Uns verknüpfende Band, fest auf ewig, heilig und tief beglückend die Liebe, die für Sie in meiner Seele glüht, und vor zehn Jahren hat ein Gott sie in mein Herz gelegt; Heil darum, dreifach Heil »Lohengrin«, denn dort wurzelt die Eiche meiner treuen Liebe zu Ihnen [...].

Am 22. Dezember 1861 besucht Ludwig erstmals eine Aufführung des »Tannhäuser«. Theaterbesuche gehören von diesem Jahr an zu seinen liebsten Beschäftigungen. An seine ehemalige Erzieherin Sibylle Freifrau von Leonrod, geborene Meilhaus, schreibt er im Februar 1863:

Auch in diesem Jahre waren wir mehrmals im Theater, wir sahen: die »Martha«, die »Foscari«, eine neue Oper von einem Münchner namens Zenger, [...] ferner sahen wir »Antigone« von Sophokles, die mir sehr gefiel, »Zar und

Zimmermann« und »Faust«. [...] Neulich erhielt ich von Grf. La Rosée »Oper und Drama« von R. Wagner; der erste Teil behandelt die Oper und das Wesen der Musik, der zweite die dramatische Dichtung, der dritte beide im Kunstwerke der Zukunft.

Wie sehr die Werke Wagners den Geist des achtzehnjährigen Kronprinzen beschäftigen, lassen die Briefe erkennen, die er im Sommer 1863 aus Hohenschwangau an Frau von Leonrod richtet:

24. Juni 1863 - Du meintest aus meinem letzten Briefe zu ersehen, daß ich das »Nibelungenlied« läse; dieses kenne ich bereits von früher her und schwärme sehr dafür [...]. - Ich lese immer noch viel in Shakespeare; welche herrlichen Werke! - Neulich erhielt ich die jüngst erschienene Trilogie von R. Wagner: »Der Ring des Nibelungen«; voraus geht ein Vorspiel, das »Rheingold«, welches in den Fluten des Rheines spielt; die übrigen Teile heißen I. »Die Walküre«, II. »Siegfried«, III. »Die Götterdämmerung«. - Käme Wagner doch noch dazu, diese Werke in Musik zu setzen, was er beabsichtigt. - Auch »Tristan und Isolde« von R. Wagner besitze ich jetzt.

23. Juli 1863 - Das Wetter ist herrlich, angenehm zu Partien, zum Reiten, Fischen und Baden. [...] Ich lese jetzt immer beim Fischen, was sich sehr gut vereinigen läßt. -Wundervoll ist die Trilogie von R. Wagner: »Der Ring des Nibelungen«, heute werde ich sie beenden. [...] Eben spielt Otto den Pilgerchor aus »Tannhäuser«! Wundervoll!

Ganz deutlich zeigt sich auch der Sinn des Kronprinzen für die Schönheiten der Natur:

10. August 1863 - Deinen Brief erhielt ich, als ich vom Fischen kam, zu welchem ich schon vor 5 Uhr morgens ging;

ich fing schöne Hechte. - Wundervoll ist der Alpsee am frühen Morgen, wenn der Nebel sich zerteilt und das Schloß in hehrer Pracht sich zeigt.

Im August 1863 halten sich König Wilhelm l. von Preußen und sein Minister Bismarck auf der Durchreise in München auf. Da König Max abwesend ist, empfängt Königin Marie mit ihren Söhnen die Gäste. In einem Brief vom 22. August berichtet Ludwig dem Großvater:

Auf zwei Tage waren wir in München, um den König von Preußen zu sehen, welchen wir noch gar nicht kannten. Die Mutter und wir [d. h. Ludwig und Otto] zeigten ihm die Residenz; besonders schienen ihn der Schatz und der prachtvolle Saalbau zu interessieren. - Auch Minister Bismarck befand sich in des Königs Gefolge.

 

Bismarck selbst hat sein erstes - und einziges - Zusammentreffen mit Ludwig in den »Gedanken und Erinnerungen« dargestellt:

Bei den regelmäßigen Mahlzeiten, welche wir während des Aufenthalts in Nymphenburg, 16. und 17. August 1863, einnahmen, war der Kronprinz, später König Ludwig II., der seiner Mutter gegenüber saß, mein Nachbar. Ich hatte den Eindruck, daß er mit seinen Gedanken nicht bei der Tafel war und sich nur ab und zu seiner Absicht erinnerte, mit mir eine Unterhaltung zu führen, die aus dem Gebiete der üblichen Hofgespräche nicht herausging. Gleichwohl glaubte ich in dem, was er sagte, eine begabte Lebhaftigkeit und einen von seiner Zukunft erfüllten Sinn zu erkennen. In den Pausen des Gesprächs blickte er über seine Frau Mutter hinweg an die Decke und leerte ab und zu hastig sein Champagnerglas, dessen Füllung, wie ich annahm, auf mütterlichen Befehl verlangsamt wurde, so daß der Prinz mehrmals sein leeres Glas rückwärts über seine Schulter hielt, wo es zögernd wieder gefüllt wurde. Er hat weder damals noch später die Mäßigkeit im Trinken überschritten, ich hatte jedoch das Gefühl, daß die Umgebung ihn langweilte und er den von ihr unabhängigen Richtungen seiner Phantasie durch den Champagner zu Hilfe kam. Der Eindruck, den er mir machte, war ein sympathischer, obschon ich mir mit einiger Verdrießlichkeit sagen mußte, daß mein Bestreben, ihn als Tischnachbar angenehm zu unterhalten, unfruchtbar blieb.

Ein anderer Reisebegleiter des preußischen Königs, der Generaladjutant Prinz Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen, hat ebenfalls seine damaligen Eindrücke festgehalten:

Während unserer Anwesenheit in München erregte der bayerische Kronprinz Ludwig die Aufmerksamkeit unseres Königs im hohen Grade. Dieser junge Prinz stand damals in seinem achtzehnten Jahre, und man mußte seinen geweckten Geist, seine körperliche Gewandtheit wie seinen Mut bewundern. Er ritt und fuhr mit seltenem Geschick und hatte Sinn und Talent für Kunst und Wissen. Man erzählte uns, daß er vor kurzem seine Mutter selbst, wie er das oft tat, in seinem Ponywagen im Park vom Sattel spazierengefahren hatte. Auf dem Heimweg hatte die Königin sich gewundert, daß er so schnell fuhr, er hatte sie aber beruhigt, es gehe ja ganz schön.

Vor dem Schlosse angekommen, bog sich der Prinz vor, faßte beide Pferde bei den Nasen und parierte mit kräftiger Faust auf diese Weise sicher, denn - die Zügel waren zerrissen, und die Pferde waren nach Hause durchgegangen. Man setzte große Hoffnungen in diesen jungen Herrn.

Wenige Tage nach dem Besuch der preußischen Gäste wird Kronprinz Ludwig volljährig. Marie Schulze erinnert sich:

Ein schönes Fest feierte die königliche Familie in Hohenschwangau bei der Mündigkeitserklärung des Kronprinzen am 25. August 1863. Die Füssener Liedertafel sang vor dem königlichen Schlosse, das in hellem, bengalischem Licht erstrahlte, während die Königin, mit wahrem Mutterstolz in den Zügen, an der Seite des hochgewachsenen, jugendschönen Kronprinzen auf der Freitreppe stand und den Klängen der Huldigung lauschte.

Einen Bericht über den Festtag gibt der Kronprinz selbst in einem Brief an König Ludwig I.:

Lieber Großvater!

Für Ihren lieben Brief und die guten Wünsche sowie für das schöne Gedicht, wodurch Sie mir eine große Freude bereitet haben, spreche ich aus dem Grunde meines Herzens meinen innigsten Dank aus. Am Festtage selbst war das Wetter herrlich; ich stand schon um ½ 5 Uhr auf und fischte. Sogleich fing ich einen herrlichen Hecht von neun und einem halben Pfund. Später erhielt ich viele Beglückwünschungen und Geschenke: ein Bild aus der Allerheiligenkirche, Bilder nach den Nibelungen von Schnorr, eine Nadel mit einem Schwan, ein Buch über Faust und über die Werke von Shakespeare und andere. - Es kam eine Deputation aus München, welche auch zur Tafel geladen wurde. Nachmittags fuhren wir zum Schweizerhause, abends war Beleuchtung. Die Mutter dankt herzlich für Ihren Brief und küßt die Hand; sowie Otto. - Wie freue ich mich, Sie, lieber Großvater, recht bald in bestem Wohlsein wiederzusehen! Indem ich Ihnen die Hand küsse, verbleibe ich mit inniger Liebe Ihr dankbarer Enkel

Ludwig

Nach Erreichung der Volljährigkeit wird Ludwig schon zu repräsentativen Aufgaben herangezogen. Im Oktober 1863 schreibt er an Frau von Leonrod:

Wenn wir wieder in München sein werden, werde ich viel zu tun haben, vor allem viele Audienzen empfangen müssen.

Um die gleiche Zeit beginnt der Kronprinz, an der Münchner Universität Vorlesungen zu hören; doch wird er im Winter häufig durch Krankheit daran gehindert. Mitte Dezember 1863 teilt er seiner ehemaligen Erzieherin mit:

Nächste Woche werde ich wohl wieder die Kollegien besuchen können; außerdem habe ich Geschichte der Philosophie bei Professor Steininger und Englisch und Französisch zur Übung bei den betreffenden Lehrern. Ziemlich oft habe ich Audienzen zu geben.

Zwischen Weihnachten und Neujahr berichtet der Kronprinz in einem Brief an König Ludwig I.:

Lieber Großvater, ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich so Spät zum Schreiben komme; aber es ist wirklich nicht meine Schuld, denn ich lag einige Tage lang mit Fieber zu Bette und darf noch nicht den ganzen Tag auf sein; auch die Weihnachtsbescherung haben die Eltern deshalb verlegt. Wir hatten bisher einen merkwürdig milden Winter, den ich zu einigen schönen Ritten benützte. Ich besuche diesen Winter die Universität noch hier; ich höre Physik bei Professor Jolly, auch Liebigs Laboratorium besuche ich.

Zu Ludwigs Universitätsstudien notiert Gottfried von Böhm:

Jolly, dessen Kolleg über Physik er hörte und, wie aus mir vorgelegenen losen Blättern ersichtlich war, zum Teil auch nachschrieb, bemerkte, der Kronprinz habe nach seinen Eindrücken dem Vortrag folgen können, sei aber der einzige von den bei ihm hörenden Prinzen gewesen, der im Kolleg einen abgesonderten Platz beanspruchte.

Auch Anfang 1864 ist der Kronprinz noch viel krank. In einem seiner Briefe an die Baronin Leonrod lesen wir:

In diesem Karneval werde ich höchstens einen der letzten Kammerbälle mitmachen dürfen, jedoch ohne zu tanzen, was meinem Halse durchaus schädlich wäre. [...]

Obwohl ich schon seit mehreren Wochen das Zimmer nicht verlassen darf, so bin ich doch froh und vergnügt; ich lese viel, was ich lieber habe denn alle Bälle. [...]

Nun ist ein Plan von mir in Ausführung, welchen ich schon seit einiger Zeit herumtrage, nämlich eine große Tasse oder vielmehr Schale verfertigen zu lassen, worauf Szenen aus »Lohengrin« gemalt werden. [...] Ich ließ nach Berchtesgaden schreiben, wo ich dieses Jahr in der Ramsau einen jungen Mann, welcher in einer Sägmühle arbeitete, sah, welcher uns allen durch seine Schönheit und seine Heldengestalt auffiel;

diesen werde ich von Walch in Berchtesgaden photographieren und darnach hier als Lohengrin malen lassen.


Der 20jährige Ludwig II.

Da man dem theaterbegeisterten Kronprinzen den Sänger Albert Niemann als ideale Verkörperung des Schwanenrittertypus geschildert hat, erwirkt er ein Gastspiel Niemanns in der Rolle des Lohengrin. Gottfried von Böhm erzählt:

Die Vorstellung fand am 21. Februar 1864 statt, und die »fast übermenschliche Gestalt« dieses Sängers, wie Wagner ihn charakterisiert, machte so viel Eindruck auf den Kronprinzen, daß er ihm vor der Audienz, die Niemann bei dem König hatte, in schüchternen Worten sein Entzücken über seine Darstellung der Rolle bekundete.

Ludwig besucht jede Vorstellung, in der Niemann auftritt, und gewährt ihm lange Audienzen in der Residenz. Am 7. März schreibt Ludwig an seine Kusine, Prinzessin Anna von Hessen-Darmstadt:

In diesen Tagen habe ich viel von Goethe gelesen und war so beschäftigt mit dem Sänger Niemann, daß ich wirklich keine Zeit zum Briefeschreiben fand. [...] Wie interessant ist alles, was Goethe schrieb! [...] Neulich veranlaßte ich jemand, ihm [Niemann] eine Menge Blumen zuzuwerfen, und ich sandte ihm ein Paar Manschettenknöpfe mit Schwänen und Brillanten; ebenso ein Kreuz, was ihm große Freude machte.

Drei Tage später, am 10. März 1864, stirbt König Maximilian II. nach kurzer Krankheit.

Kommentare
Neuer Kommentar Suche
Kommentar schreiben
Name:
Email:
 
Website:
Titel:
UBBCode:
[b] [i] [u] [url] [quote] [code] [img] 
 
 
:angry::0:confused::cheer:B):evil::silly::dry::lol::kiss::D:pinch:
:(:shock::X:side::):P:unsure::woohoo::huh::whistle:;):s
 
Please input the anti-spam code that you can read in the image.

3.23 Copyright (C) 2007 Alain Georgette / Copyright (C) 2006 Frantisek Hliva. All rights reserved."

 

Werbung

Copyright © 2008 König Ludwig II. von Bayern. Alle Rechte vorbehalten.
Joomla! ist freie, unter der GNU/GPL-Lizenz veröffentlichte Software.