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Romanhafte Phantasiedarstellungen und Spekulationen beherrschen ein neues Ludwig II.-Buch von Erika Brunner - Peter Glowasz Nun gibt es, fast schon erwartet, eine weitere Negativ-Legende König Ludwigs II., an der zur Zeit wieder besonders fleißig gestrickt wird. Die letzte Geschichte dieser Art wurde uns bereits schon im Jahre 1999 in den Medien präsentiert, als Ludwig II.-Briefe zur Versteigerung in einem Münchner Auktionshaus landeten. Und prompt folgt jetzt die Veröffentlichung der am 3. November 1999 in München ersteigerten Briefe in einem Buch: "Das verlorene Paradies Ludwigs II." So heißt der Überraschungstitel. Sein Autor ist der Aschaffenburger Rechtsanwalt, Dr. Robert Holzschuh, der nun in seinem Werk die erstandenen 27 Ludwig II.-Briefe interpretiert und kommentiert und daraus zum Teil die unmöglichsten Schlussfolgerungen zieht, die zwangsläufig der Forderung nach historisch korrekter Einordnung von Quellenmaterial in keiner Weise standhält. Auch zeigen sich Mängel hinsichtlich einer historisch-wissenschaftlichen Bearbeitung von Materialien; Behauptungen werden nicht hinreichend begründet und belegt, erforderliche Quellenangaben fehlen, genannte Quellen werden missverstanden. Und die Betrachtung isolierter Stellen aus den sogenannten Hesselschwerdt-Briefen, die jeweils in einem bestimmten Sachverhalt herausgefiltert wurden, verzerrt Zusammenhänge und führt zu Fehlurteilen.
Aus einer Briefstelle Richard Wagners wird auf dessen latente Homosexualität geschlossen, ohne dass die Adressatin dieses Briefes, der gegenüber ein so verstandenes "offenes Bekenntnis" unmöglich gewesen wäre, oder Wagners Verurteilung der Homosexualität in dessen Tagebuch berücksichtigt wird. König Ludwigs kühle Empfindungen für Herzogin Sophie Charlotte werden wieder einmal den glühenden für Männer gegenübergestellt, ohne dass seine Beziehungen zu anderen Frauen eingehend analysiert werden Die Schauspielerin Lila Bulyowski findet nicht einmal Erwähnung! Die Darstellung schwingt sich, sobald es um Homosexualität oder Brutalität geht, zu romanhafter Darstellung auf; ein Beispiel: "...Ludwig II. und Stallmeister Richard Hornig befinden sich nach der Versöhnung im Jahre 1872 im erotischen Linderhofzauber ..." Zu dieser Zeit stand im Graswangtal nur ein bescheidenes, ländliches Königshäuschen! Und weitere Beispiele für die Phantasiedarstellung der Negativlegende finden sich in diesem Buch: die Welfenfondlegende, die alte Landverkaufsgeschichte in einer Neuaufbereitung und so weiter. Durch die Wortwahl des Autors werden zusätzlich negative Assoziationen erzeugt: Stallmeister Hornig wird in des Königs Auftrag "schikanierte", Ludwig II. will "ins Leben der Knaben einbrechen", die Geschichte vom Burgverlies wird unkritisch übernommen, der Klatsch vom Bruch mit Schauspieler Josef Kainz und Kabinettssekretär Friedrich Ziegler geht einseitig zu Lasten des Königs, der König ist "ein hoffnungsloser Narziss", der Sonnenkönig "fürchterlich". Und wiederum einseitig werden nur negative Pressestimmen der Zeitzeugen zitiert. Da ist die Rede vom "Sumpf" und der "Hölle" dieses königlichen Hofes, was auch (negativerweise) den Ansichten des preußischen Gesandtschaftssekretärs Philipp Graf zu Eulenburg-Hertefelds, des bayerischen Gesandten Hugo Graf von und zu Lerchenfeld-Koeferings und des Walter von Rummels (Schwiegersohn des Kabinettssekretärs von Ziegler) entsprechen mag, aber den Aussagen fast aller im Entmündigungsverfahren nicht beteiligter Diener widerspricht. Dass der Autor, ein im Steuerrecht tätiger Rechtsanwalt, König Ludwigs verzweifelte Geldbeschaffungsmaßnahmen komisch findet, wie sein Fernsehauftritt (Kulturreport, ARD) erkennen lässt, und nun noch dem König raffinierte Täuschungsmanöver im finanziellen Bereich unterstellt, kann nicht allzu sehr überraschen. Die Phantasien des Autors sorgen dann für weitere Überraschungen: da wird geschrieben von "ungeniertem und frivolem Tabubruch" sexueller Hemmungslosigkeit nach dem Jahr 1882, obgleich noch das Datum des Entmündigungstages verzweifelte und vergebliche Reinheitsschwüre im Tagebuch des Königs zeigt. In vernünftigen und realitätsbezogenen Äußerungen des Königs sieht der Autor "Lappalien" und "Trivialität". Nun, hier kann man dem Autor wirklich nicht mehr folgen! Die veröffentlichten 27 Ludwig II.-Briefe entstammen den Jahren 1882 bis 1885. Diese markieren Ludwigs letzten und radikalsten Rückzug von der Welt. Wagner und die verständnisvolle Erzieherin Sibylle Freifrau von Leonrod verlor er durch den Tod, Kainz war für immer in Berlin. Der König verkehrte persönlich nur noch mit Lakaien, auf die er nun einmal angewiesen war. In diesen Jahren wurde der Marstallfourier Karl Hesselschwerdt zum Vertrauten bzw. zum Mephisto des faustischen Königs und suchte ihn durch seine Schwächen zu beherrschen. Und dass er die Briefe Ludwigs II. nicht, wie befohlen, verbrannte , sondern archivierte, lässt auf keine guten Absichten schließen. Hesselschwerdt missbrauchte die königliche Geheimkorrespondenz und somit die Freundschaft Ludwigs II. aufs schändlichste er besaß jahrelang das ganze Vertrauen des Königs, war aber über Jahre darauf aus, den König abzusperren und zu isolieren, um ihn ganz in der Hand zu behalten. Und Hesselschwerdt war es dann auch, der durch Fehlberatungen, Falschmeldungen und andere Lügen den König schließlich soweit brachte, dass er nicht mehr feststellen und unterscheiden vermochte, was ehrlich bzw. möglich und erreichbar war und was nicht. Hesselschwerdt und seine Mitspieler scheuten auch nicht davor zurück, die letzten Spuren von Loyalität und Diskretion auszulöschen; so galten Biergartengeschwätz und Zeitungsartikel nicht nur mehr den Geldproblemen der Kabinettskasse und den Schlossbauten, sondern es wurden sodann alle persönlichen Lebensgewohnheiten und sogar Inhalte aus vertrauten Briefen (den sog. Hesselschwerdt-Briefen) des König: einer hemmungslosen Kritik übelster Art unterzogen, die letztlich in gröbster Majestätsbeleidigung gipfelte. Inwieweit sich in diesen letzten bitteren Lebensjahren das erotische Interesse des mit reicher optischer Phantasie begabten Königs auf Voyeurismus schöner Körper beschränkte, oder ob die verzweifelte menschliche Einsamkeit und die finanziellen Ängste die seelische Widerstandskraft des Königs schwächten, und gelegentlich (wie die Tagebuch-Datierungen - nur in Ausnahmefällen - zeigen) die Schranke durchbrochen wurde, auch dies bleibt wohl ein "ewig Rätsel", dessen Lösung nur die Skandal und Schmähsucht beschäftigt. Die Behauptung des Autors, der vereinsamte König habe durch Geschenke sozusagen käufliche Liebe erworben, ist zurückzuweisen. Bis zum Ende idealisierte Ludwig II. das jeweilige Objekt seiner Träume, und bis zu seinem Tod währte der verzweifelte Seelenkampf gegen das Verlangen. Nun, auf den ca. 50 letzten Seiten des Buches ergibt sieh ein seltsamer Widerspruch: der Verfasser verwendet gegen Ludwig II. Beschuldigungen des Gutachtens, stellt dieses und das ganze Entmündigungsverfahren jedoch dankenswerter Weise in Frage. Man muss also dem Autor zugestehen, dass er zu differenzieren versteht und nicht pauschaliert. Bei allen berechtigten Einwänden gegen Details der Darstellung kann man dem Verfasser auch Verständnis für den unglückliche König nicht gänzlich absprechen, wenngleich aufgrund des Briefmaterials die Schattenseiten der Persönlichkeit einseitig in den Mittelpunkt gerückt worden sind und dies leider zu einem Pressesturm führte, der lebhaft an die moralische Verurteilung Tannhäusers durch die Wartburgritter erinnert. Zur Hintergrundgeschichte der ersteigerten und jetzt veröffentlichten 27 Ludwig II.-Briefe durch den Buchautor ist zu sagen, dass diese aus dem Besitz des Lehrers und Chorleiters Anton Zimmermann aus dem bayerischen Bichl bei Bad Tölz stammen; Zimmermann verstarb am 23. Oktober 1996 69jährig, infolge eines Verkehrsunfalls. Anton Zimmermann war ein leidenschaftlicher Sammler von Dokumenten vor allem von Ludwig II.- Aufzeichnungen und Briefen. Über Sammler-Magazine Zeitungen u.a. bekam er Kontakte zu anderen Sammlern, Forschern und auch Hinterbliebenen von Dienern des Königs. Auf diesen Wegen lernte Zimmermann auch die Großnichte von Karl Hesselschwerdt kennen, die den Hesselschwerdt-Nachlass dem Sammler Zimmermann anbot. Zimmermann erwarb 87 Briefe aus diesem Nachlass, nachdem er sie von einem Schriftsachverständigen auf Echtheit prüfen ließ. Somit handelt es sich bei sämtlichen Briefen um Originale aus der Feder Ludwigs II.; eine Fälschung liegt also nicht vor. Der Mitautor dieser Information, der Ludwig II.- Forscher Peter Glowasz, bekam 1992 erstmalig Kontakt zu Anton Zimmermann, als dieser mitteilte, dass er mit großem Interesse die Ludwig II. - Bücher von Glowasz gelesen habe; aufgrund gemeinsamer Interessen und Ziele entwickelte sich im Laufe der Jahre eine lebhafte Brieffreundschaft. Anton Zimmermann hat in seinen Briefen und auch Anrufen immer wieder beteuert, dass er die Briefe sorgfältig behütet und unter Verschluss hält; sie dürften niemals in falsche Hände kommen. Er wusste warum! Und wiederholt schrieb er: "Was werden die nächsten Jahre für die bayerische Geschichte an Unwahrheiten und Grässlichkeiten auf den Markt bringen? Seien wir Gärtner der wilden Triebe wegen. Ich möchte, dem König gerecht werden, ihn schützen vor Unwahrheiten ..." Zimmermann wusste stets um die Wichtigkeit aber auch Brisanz seiner Briefsammlung - vor allem der Briefe Ludwigs II. an Karl Hesselschwerdt. Und er wusste: schon im Jahre 1866 trat Hesselschwerdt in das Leben von König Ludwig; er war ein willfähriger Geselle, der am Ende auch mithelfen sollte, den König ans Messer zu liefern. Der Tod von Anton Zimmermann kam völlig unerwartet und schnell und so blieb ihm nicht mehr die Zeit, seinen wohlbehüteten Nachlass, wie geplant, der Ludwig II.- Forschung zuzuführen und ein gemeinsame Buch mit Glowasz zu veröffentlichen. Von den insgesamt 87 Ludwig II.-Briefen aus dem Nachlass Zimmermanns wurden dann von den Söhnen und der Tochter 27 Briefe zur Versteigerung in München übergeben. Die restlichen Briefe befinden noch im Besitz der Hinterbliebenen. Aus gut unterrichteter Quelle ist der Ludwig II. - Forschung bekannt geworden, dass Erbprinz Herzog Albrecht, ältester Sohn Rupprechts, Urgroßcousin zum König, ehemaliger Chef des Hauses Wittelsbach, gestorben im Jahre 1996, dem Hausarchiv Wittelsbach Ende der 60er Jahre einen Besuch abstattete, wobei er zufällig auf Hesselschwerdt-Briefe gestoßen sein soll. Insofern wissen wir heute, dass dem Haus Wittelsbach weitere Hesselschwerdt-Briefe und/oder Kopien der Briefe aus der Sammlung Zimmermanns vorliegen müssen, die für die Öffentlichkeit nicht einsehbar sind; vermutlich befinden sich diese Briefe unter Verschluss. So handelt auch das Königliche Haus Wittelsbach ganz im Sinne von Artur Zimmermann - und der König Ludwig II.- Forschung aktuell korrekt. Das Buch "Das verlorene Paradies Ludwigs II." von Robert Holzschuh ist für den Geschichtsinteressierten ungeeignet; das Buch verzerrt Zusammenhänge und führt jeden unwissenden Leser zu Fehlurteilen. Nicht empfehlenswert. © 2002 Copyright by Peter Glowasz Verlag und bei den Autoren Erika Brunner und Peter Glowasz
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