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Zum 156. Geburtstag König Ludwigs II. von Bayern am 25. August 2001: »Er war ein liebenswerter König« Ein Chevauxleger erinnert sich von Peter Glowasz „... Auf normale Gemütszustände und deren Äußerungen trifft man nirgendwo in den Akten. Sie scheinen ganz und gar zugrunde gegangen zu sein und Hass und unnatürlicher Abscheu an ihre Stelle getreten zu sein. ...“ Ja, so lautete tatsächlich das Urteil des Psychiaters Professor Dr. Bernhard von Gudden in seinem „Ärztlichen Gutachten“ vom 8, Juni 1886, das dem so Beurteilten alle Lebensqualität raubte. Wäre dieser Professor seinem hippokratischen Eid tiefer verbunden gewesen als seinem Freund und Gönner, dem bayerischen Staatsminister Dr. Johann Freiherr von Lutz, so hätte er eigentlich nur den jungen Chevauxleger Thomas Osterauer fragen müssen, um auf „normale Gemütszustände“ zu stoßen. Osterauer war nur einer von König Ludwigs zahlreichen Dienern, die, in keiner Weise paranoide Symptome bemerkten, und so zeigen seine Erinnerungen ein gänzlich anderes Königsbild als vor allem die Anklagen der Kammerdiener Lorenz Mayrs, Adalbert Welkers und Marstallfourier Karl Hesselschwerdts in dem „Ärztlichen Gutachten“. Die Erinnerungen von Thomas Osterauer sind heute für die Forschung von unschätzbarem Wert, da zur Zeit seines Dienstes im Jahr 1885 alle ernstzunehmenden und gebildeten Vertrauenspersonen schon tot oder aus dem Leben Ludwigs II. gegangen waren und auch keine Privatbriefe aus dieser Zeit existieren, die Einblick in die Psyche des Königs gestatten. Thomas Osterauers Erinnerungen sind schwer zugänglich. Nur wenige Abschnitte daraus wurden bisher veröffentlicht so etwa die gütige königliche Geburtstagsüberraschung. Nur durch ein kaum ausdruckbares Mikrofilmchen in einer Bibliothek konnten weitere Kenntnisse von Osterauers Erinnerunzen, gewonnen werden. Die Erinnerungen beginnen mit dem Dienstantritt in Schloss Berg, der Fahrt ins Werdenfelser Land und nach Schloss Linderhof und enden mit Erlebnissen in Schloss Neuschwanstein. Sie lassen sich in zwei Komplexe gliedern: Leben in den Schlössern und nächtliche Gebirgstouren. Osterauer beschreibt einfach und klar seine Erlebnisse im Königsdienst. Und diese lassen keinerlei Verdacht einer geistigen Störung aufkommen. Der Bericht zeigt völlig neue Facetten eines rätselvollen Königs, nämlich einen energischen, keineswegs humorlosen Mann, der lebhaftes Interesse am menschlichen Dasein zeigt, wenngleich nicht unbedingt am politischen Alltag, wie es sich aber erst in den letzten Lebensjahren zeigte. Osterauers Dienstantritt im Mai 1885 in Schloss Berg ist grotesk: Die alte Magd Liesi, des Königs einziges weibliches Faktotum, kommandiert die Chevaulegers herum in einem Ton, der ihn lebhaft an, seine preußischen Feldwebel erinnert. Das Gezeter dringt zu dem lärmempfindlichen König, der den Neuen, mit einer Beschwerde über das weibliche Geschlecht empfängt. Nun, sein erster königlicher Befehl für Thomas: die Liesi zur Raison bringen und wenn sie weiter so tobt, wird sie entfernt. Darauf entledigt sich Thomas brav seines unangenehmen Auftrags, aber die Liesi steigert sogar ihr Wutgekreisch: „Gelt, weilst mi verkauft host beim König, du Judas, da schuftiger!“ (Gell, weil du mich verkauft hast beim König, du Judas, du schuftiger) und sie versucht, ihm einen schweren Silberteller über den Kopf zu hauen. Thomas konnte sich im letzten Moment noch in Sicherheit bringen. Als der König ihn später nach dem Ergebnis des Gesprächs fragt, gibt Thomas den Dialog wörtlich wieder und schildert Liesis Attacke zum sichtlichen Amüsement des Königs. Die folgenden Zeilen enthalten einige nicht unwichtige Informationen: Auch Thomas Osterauer bestätigt in seinen Aufzeichnungen die Enthaltsamkeit des Königs bei alkoholischen Getränken und trägt somit dazu bei, Licht in diese umstrittene Frage zu bringen: die stets aufgetischten stattlichen Mengen an Getränken zu den Mahlzeiten dienten vor allem als Tischdekoration, die bei einer königlichen Tafel niemals fehlen durfte, oder sie wurde, sobald vom König nur mit einem Schluck angebrochen, später wieder von den Dienern abgeräumt. So würde sich ein völlig falsches Bild ergeben, wenn man aus diesem Verbrauch auf Ludwigs Trinkgewohnheiten schließen würde. Ein Küchenbediensteter, lange Jahre für den Ablauf der königlichen Tafelfreuden zuständig, berichtet ebenfalls dass der König kein großer Trinker war; er liebte die Qualität der Weine mehr als die Quantität. Und Kammerdiener Alfons Weber erinnert sich 1886., dass der König stets mäßig getrunken hat. Diesbezügliche Berichte von Zeitzeugen ließen sich beliebig fortsetzen. Bedauerlicherweise wird immer wieder von weniger glaubhaften Biographen die Meinung verbreitet, Ludwig II. wäre ein großer Trinker gewesen und hätte Spirituosen in sich hineingeschüttet. Die Quelle, aus der das Wissen um König Ludwigs späte NegativBeförderung vom mäßigen zum unmäßigen Trinker floss, bleibt allerdings ungenannt und rätselhaft. In der Quellensammlung von Rupert Hacker findet sich die Episode, wie Ludwig II. dem „Kleinen“ (so nannte ihn der König) zum Geburtstag gratuliert und ihn reich beschenkt. Der junge Osterauer war ganz überwältigt nicht nur von den reichen Geschenken und der eigens in München für ihn angefertigten Torte, sondern auch von den liebevollen Worten des Königs. Dazu Thomas Osterauer: „In die Zeit des Aufenthaltes in Hohenschwangau fiel mein Geburtstag. Ich dachte nicht daran. An diesem Tage wurde ich unter der Zeit zu Majestät gerufen. Majestät stand vor einem mit Blumen geschmückten Tisch, auf welchem ein Kuchen im Durchmesser von einem halben Meter, eine Mayonnaise mit zwei Hechten, zwei Flaschen Wein, zwei Kisten Zigarren und noch anderes sich befanden. Der Kuchen oder die Torte wurde eigens in München angefertigt. Majestät sagte: ‚So, lieber Kleiner, ich wünsche dir viel Glück zu deinem Geburtstag, behalte mich stets im Andenken, die Sachen gehören dir.’ Ich war ganz paff, konnte kein Wort sagen und musste meinen Dank schriftlich darbringen.“ Thomas Osterauer, der, wie er sagt, nichts als Stall und Pferde kannte, war es auch, als er zum erstenmal Schloss Linderhof erblickte. Wie betäubt nahm er alles wahr, die große Fontäne und dann den Spiegelsaal, der ihn völlig verwirrte. Der König schien überall zu sein und war dann nirgends er war ins Speisezimmer gegangen. Die tiefgebückte Haltung des Lakaienzeremoniells, die auch Thomas abgefordert wurde, erschwerte ihm vollends die Orientierung. Im Speisezimmer erhielt er jäh einen kräftigen Schubs, fiel zu Boden, und Portieren und Vorhänge sanken ihm über sein Gesicht. Als er sich mühsam herausgetrampelt hatte und wieder sehen konnte, saß der König an einem Esstisch, der zuvor nicht da gewesen war, und sobald er sich überzeugte, dass Thomas sich nicht wehgetan hatte, lachte er schallend über dessen verdutztes Gesicht und erklärte ihm, dass er gerade über dem Mechanismus des „Tischleindeckdich“ gestanden hatte, als sich der Boden teilte. Der König zeigte einzelnen Dienern, so auch Thomas Osterauer, persönlich den Park mit allen Attraktionen und die „Blaue Grotte“. Und die Erinnerungen Osterauers beschwören die Verse des berühmten Gedichtes von Fritz von Ostini: “Und wer ihm nahe war und ihn verstand, den nahm er mit in dieses Wunderland... „ Auf dem Weg zur Grotte sahen sie an der Hinterfront des Schlosses hinter Bauschutt ein paar lange Beine herausragen: sie gehörten dem größten der Bauarbeiter, der sich dort versteckt hatte und vor dem König folgende Erklärung abgab: „Woascht, der Polier hot gsogt, boist da kimmscht, muaß ma ins verstecka!“ (Weißt du, der Polier hat gesagt, sobald du kommst, müsst ihr Euch verstecken.) „Der König wollte das aber gar nicht“, fuhr Thomas fort und bestätigte damit die Angabe der Wirtin Müller in Hohenschwangau, dass der König keineswegs die Menschen verscheuchte, sondern von seiner Umgebung gezielt isoliert wurde. Osterauer, genannt der „Kleine“, ganz berauscht und verwirrt vom Anblick der „Blauen Grotte“, stolperte im Dämmerlicht und fiel der Länge nach dem König zu Füßen. „Was hast du denn?“ fragte der König erschrocken. Schlagfertig erwiderte Thomas: „Hier liegt vor Eurer Majestät im Staube der Warzerer Sepp“. (Diesen Spitznamen hatte der König dem Kleinen gegeben). Thomas musste zurückgehen, fast bis zum Eingang, um für die zwei Schwäne Brot zu holen. Als er zurückkehrte, war vom König nichts mehr zu sehen. Als er so allein dastand, erblickte er plötzlich in einem Felsen einen Spiegel, in welchem sich ein Chevauleger abspiegelte; er glaubte, es wäre sein Kollege Huber gewesen. Als er aber in die Nähe kam, erkannte er sich selbst. Endlich erblickte Thomas den König oberhalb des Sees im sogenannten Kristallsitz. Der König zeigte Osterauer und Huber dann den Pfauenkiosk, den Venustempel und den alten Lindenbaum, auf welchem Thomas schon seine Mahlzeiten einnahm. Am Abend gings dann weiter zur Hundingshütte, wo der ausgestopfte Bär Thomas beim ersten Anblick erschreckte. Auch die Wachsfigur eines betenden Mönchs in der Klause, die sich mechanisch leicht bewegte, verwirrte ihn; er stupste den wächsernen Gurnemanz mit dem Finger an, um ihn auf den Eintritt des Königs aufmerksam zu machen, der Thomas Irrtum dann aufklärte. Der königliche Dienst von Thomas Osterauer war natürlich nicht immer leicht und konfliktfrei. Entgegen allen Greuelgeschichten rügte der König zwar ärgerlich Ungeschicklichkeiten, von Bestrafung oder auch nur grober Beschimpfung ist in Osterauers Erinnerungen jedoch keine Rede, geschweige denn von Verlies oder Deportation! Übrigens führt auch Osterauers Aufzeichnungen, Friedrich von Zieglers (Kabinettssekretär) und später Philipp Graf zu EulenburgHertefelds (preußischer Gesandtschaftssekretär) Behauptung, der König habe seine Untergebenen mit einer Schußwaffe bedroht, ad absurdum. Nie sah Osterauer eine Schußwaffe in den Schlössern, und seine Bemerkung über die Abneigung des Königs gegen Revolver wird auch von anderen Zeitzeugen bestätigt. Nur Lügen konnte der König nicht vertragen und diese führten dann auch zur Bestrafung. Der König erfuhr über Osterauer, dass er früher in der Kaserne gern gelesen hatte. Und so unterstützte er das literarische Interesse von Thomas, in dem er ihm „Die Fischerrosl von St. Heinrich“ zum Lesen gab. Thomas, der nur tagsüber zum Lesen kam, setzte sich mit dem Buch ans offene Fenster von Schloss Neuschwanstein; ein Volksfestzug aber, der am Sonntag durch Hohenschwangau zog, lenkte ihn ab. Und so schloss er sich dem Festzug an, statt zu lesen. Als ihn der König nachts nach seinem Eindruck der Lektüre fragte, merkte er sogleich an dem lobenden Geschwafel und den falschen Angaben der Seitenzahlen, dass Thomas das Buch längst nicht so weit gelesen hatte, wie er behauptete. Zur Strafe wegen seiner Lüge bekam er zwei Stunden Stubenarrest. Der Erziehungsversuch wurde von den Dienstälteren unterlaufen, Thomas durfte frei umhergehen, solange er dem König nicht unter die Augen kam. Nach schriftlicher Entschuldigung und einer Strafpredigt musste er versprechen, nicht mehr zu lügen. Später bekam er auch wieder Bücher, und es spricht für die pädagogische Vernunft des Königs, dass er ihm weder Schiller noch Wagner, sondern Erzählungen á la Ganghofer, gab, die seinem Milieu und seinen Interessen entsprachen. Einen der genannten Romane las der König selbst wieder, als der Hofkutscher Fritz Osterholzer in der Nacht zum 10. Juni 1886 plötzlich in sein Speisezimmer stürzte und den nächtlichen Überfall der Staatskommission meldete. Dies war seine letzte Lektüre. Nun, Ludwig II. war nicht nur normal denkfähig, sondern er zeigte sich durchaus vernünftig bei nächtlichen Ausflügen, wobei er auch Fürsorglichkeit bewies. In der Riß besuchte er mit Osterauer einen Hirsch im Gehege, den der König so liebte, dass er ihn zuerst in seinen Zimmern zu halten suchte, dann aber wieder in artgerechtere Umgebung versetzte. Das Tier kannte ihn sehr genau, sprang zum Zaun, holte sich Leckerbissen und blickte dem König nach. Den nachtblinden Thomas, der beim Abstieg vom Hochkopf in Gefahr war zu fallen, führte der König am Arm. Ein anderes Mal schickte er verärgert Osterauer heim, weil dessen Unachtsamkeit ihn auf falsche Wege gelenkt hatte. Thomas tröstete sich mit Wein an einem „Kaffeehäusl“, da die Wirtshäuser in Füssen in der, Frühe noch geschlossen hatten, und trödelte in jugendlichem Trotz herum, anstatt heimzugehen. Der besorgte König war längst vor ihm in Schloss Neuschwanstein angekommen, schickte ihm Reiter nach, fürchtete ein Unglück und ging erst zu Bett, als man am späten hellen Tag Osterauers Rückkehr meldete. Bei gefährlichen Gewittern zeigte sich der König stets ruhig so liest man in Osterauers Erinnerungen von Unwettern im Gebirge. Einmal wurde ein Postillon mit Pferd und Wagen von den Wassermassen von der Straße gespült und sie überlebten das Unglück nicht. Der König und Osterauer kamen nicht mehr weiter und mussten stundenlang warten, bis sich eine passierbare Straße fand. Und bei einem anderen nächtlichen Gewitter gingen Herr und Diener buchstäblich durch Feuer und Wasser. Bei der Heimkehr nach Schloss Linderhof morgens um 6 Uhr erfolgte die Anweisung des liebevoll besorgten Königs an Chevauleger Alfons Weber: „Der kleine Thomas braucht nicht zu servieren, er soll sich was Tüchtiges zu essen kochen lassen und soll eine Flasche alten Apfelwein bekommen, dann soll er zu Bett gehen und ausruhen.“ Gerieten der König und Osterauer bei Gebirgsausflügen durch die Naturgewalten auch mitunter in echte Gefahr, so ereigneten sich auch abenteuerliche Begegnungen mit Menschen, was beim Inkognito des Königs nicht zu vermeiden war, namentlich in Tirol. Osterauer berichtet: „Bei einer Nachtfahrt stieg der König vor einer Tiroler Ortschaft aus ( .. ). Als wir durch die Ortschaft kamen, es mochte 2 Uhr früh sein, es war alles in größter Ruhe, sah der König vor einer Wirtschaft eine Kegelbahn. ‚Ich will einmal das Kegelspiel probieren’, sagte er. Ich stellte die Kegeln auf, rollte die Kugel hinein, er schob drei bis viermal hinaus, auf einmal hörte ich fluchen, der Wirt erschien in Unterhose mit einem großen Prügel und machte ein Mordsgeschrei, Der König war schon aus der Kegelbahn gesprungen und lief querfeldein. Ich sprang mit einem Kegel in der Hand vor, als, mich der Wirt in vollem Glanze vor sich sah, ich war in Gala - sonn und feiertags mussten wir in Gala sein riss er Mund und Augen auf, ließ den Prügel fallen, machte kehrt, rannte ins Haus und verschloss die Haustür. Ich lief dem König nach, der meinte, der Wirt sei hinter mir; erst durch längeres Zurufen beruhigte er sich. Am zweiten Tag kam eine Bittschrift um Verzeihung von dem Wirt.“ Und weiter ging der nächtliche Ausflug. Osterauer: „Wir kamen zum Kniepass, es war Mitternacht. Kaum war Majestät ausgestiegen, wurde er von drei Arbeitern begrüßt. ‚Guat Morgn, Kini vo Boarn, bischt a scho auf da Höch?’ (Guten Morgen, König von Bayern, bist du auch schon auf der Höhe?) Der König sagte: „Grüß euch Gott, wohin schon so früh?“ Da sagten sie: „Woascht wohl, gen Berg, Holzarbatn, woascht, so schön, ham mas it wia du.“ (Du weist es wohl, auf den Berg, Holzarbeiten, weist, so schön haben wir es nicht wie du.) Der König sagte: „Ja, jeder Stand hat seine Plage. Gib ihnen 300 Mark, sie sollen auch was von mir haben.“ Nun, ging's los: „Herr, vergelt’s Gott, Kini vo Boarn, soist lebn drei Johr noch da Ewikeit a no. Du bischt do da bescht Mensch auf da Welt, du hoscht hoitna guats Herz für ins arme Teufön!“. (Herr, Vergelt’s Gott, König von Bayern, sollst leben 3 Jahre noch nach der Ewigkeit. Du bist der beste Mensch auf der Welt, du hast halt ein gutes Herz für uns arme Teufel) Ein Mann auf der Straße flüchtet vor dem König und Osterauer über den Zaun. Der König schickt Osterauer zu dem Mann und er soll fragen, warum er vor ihm davonläuft. Der Flüchtige aber entpuppt sich als Wilddieb, der die Waffe auf Thomas richtet: „Koan Schritt mehr. weiter, sonst schiaß i di neida wia an Hund!“ (Keinen Schritt mehr weiter, sonst schieße ich dich nieder wie einen Hund.) Osterauer erstattet Meldung. Der König: „Dann lauf, dass wir zum Wagen kommen, aber ja nicht pfeifen!“ Nach der Heimkehr nach Schloss Neuschwanstein: „Das war ja eine ganz verhängnisvolle Nacht heute!“ Aber die nächtlichen Ausflüge kennzeichneten nicht nur Abenteuer, sondern auch Idyllen. In der Nacht nach der verspäteten Ankunft Osterauers in Schloss Neuschwanstein nahm der König den verlorenen Sohn, offenbar glücklich über seine unbeschadete Wiederkehr, mit auf die Marienbrücke, und sie, tauchten in die Stille der hohen, feierlichen Sternennacht. Osterauer blieb zurück, weil er zuerst das Opernglas des Königs im Wagen suchen musste und es wohl in der Dunkelheit nicht gleich fand; ein Vorreiter wurde dann zurückgeschickt, um den noch ortsunkundigen Thomas zu leiten. Der König stand auf der Marienbrücke und rief: „Thomas, Thomas!“ Osterauer später: „Das war mir ein unvergesslicher Anblick auf der Marienbrücke. Das erleuchtete Schloss, die mondbeschienenen Berge, das Sausen und Brausen des Wassers. Der König erklärte mir die Sterne, deren Namen und Stellung.“ Der König und Osterauer fuhren weiter nach Bleckenau und geraten in den Wäldern ins zuvor beschriebene Gewitter; erst morgens erreichen sie völlig durchweicht Schloss Linderhof. „Von dort fährt der König gern zum Plansee,“ berichtet Osterauer; „eine wunderbare Nacht“, schwärmt Thomas, „Ich musste Majestät im See mit dem Kahn fahren, aber so ruhig, keinen Ruderschlag durfte man hören. Der Mond und die Berge spiegelten sich im See. Es war eine feierliche Ruhe und Stille, welche nur hin und wieder durch Kuhglockengeläute unterbrochen wurde, wenn sich auf den Bergen eine Kuh bewegte.“ Die Stimmung wurde dann aber getrübt, als ein patrouillierender Gendarm vorbeireitet, ohne den König zu grüßen, obwohl er ihn an der Größe und der Galauniform des Bedienten erkannt haben müsste. „Das ist aber ein ganz angezogener Mensch!“ sagt der König verstimmt; „wozu reitet denn der herum, wenn er nichts sieht!“ Doch dann begegnet ihnen ein Handwerksbursche. Auch dieser erkennt den König nicht. „Guten Abend, meine Herren!“ sagte derselbe. „Erlauben’s, kann man denn hier gar nirgends über Nacht bleiben?“ – „Ja“, antwortete der König, „am Ende des Sees ist ein Gasthaus, aber da wird halt auch schon lange alles schlafen, probieren Sie es und klopfen Sie fest, vielleicht wird Ihnen aufgemacht.“ Der Handwerksbursche dankte recht höflich und wünschte Gute Nacht, drehte sich aber gleich darauf um und fragte nochmals: „Entschuldigen S, wie heißt das Gasthaus?“ „Ach“, sagte der König, „da gibt’s keine Auswahl, es ist ja nur eines da.“ Darauf der Handwerksbursche: „Ich danke recht schön, bitte um Entschuldigung, gute Nacht, meine Herren.“. „Der wird kein Geld haben, so wird es sein“, sagte der König, „gib ihm 100 Mark.“ Osterauer: „Ich rief den Handwerksburschen und, gab ihm Zwanzigmarkstücke mit dem Bemerken, es sei von König Ludwig II. Er soll beim Wirt nur fest anklopfen und sagen, der König schickt ihn her, er wird dann Einlass finden. Als der Handwerksbursche hörte, mit wem er gesprochen, schlug er sich an den Kopf und seufzte, ‚was hab ich angefangen, eine solche Frechheit, eine solche Ungezogenheit hab ich begangen, kann ich auf Verzeihung hoffen?’ Er stürzte dem König zu Füßen und bat unter Tränen herzlich um Verzeihung, und die Worte des Dankes wollten kein Ende nehmen. Der König war von der Aufrichtigkeit seiner Worte überzeugt, und ich sah Tränen in seinen Augen. ‚Ist so recht’, sagte Majestät, ‚guter Mann, behalten Sie mich im Andenken.’ ‚Jetzt’, sagte der Handwerksbursche, ‚ist mir das schönste, höchste Glück auf Erden zuteil geworden, ich habe den König gesehen und gesprochen und bin beschenkt worden. Niemals werde ich den Platz, den Tag und die Stunde vergessen. Jetzt brauche ich kein Nachtlager mehr, nichts brauche ich mehr, ich bin der glücklichste Mensch auf der Weit.’ “ Dies alles erzählt Thomas Osterauer von dem Mann, den die Ärzte als gemütskalten Psychopathen beurteilten, ohne ihn zu kennen! Gott sei es gedankt: viele, viele Menschen sehen in Ludwig II. einen guten, liebenswerten König und auch Millionen Menschen aus aller Welt besuchen alljährlich die einmaligen Bauwerke des legendären Märchenkönigs. Und auch viele Schlossbesucher wollen durch Literatur und Internet über Ludwig II. mehr erfahren: über sein Leben, über seine Verdienste, aber auch über seinen Tod. Noch nie war der Märchenkönig so populär wie heute. Am Vorabend des Ludwigtages, am 24. August 2001, wird, wie in jedem Jahr, des Königs ehrend gedacht. Dies ist aber nicht nur der Vortag des Namenspatrons Ludwigs, des französischen Heiligen, Ludwig IX. (geboren 1214 in Poissy, gestorben 25.8.1270 in Tunis), sondern auch der Vorabend des Geburtstages von König Ludwig II. von Bayern, der 1845 in Schloss Nymphenburg das Licht der Welt erblickte. Schon am Morgen des Sommertages am 24. August werden in den einzelnen Orten Bayerns, vor allem in Oberammergau, die letzten Vorbereitungen für das „Ludwigsfeuer“ getroffen. Und beim letzten Abendschein eröffnet dann die Musik mit dem feierlichen Choral „Die Himmel rühmen“ das Ludwigsgedenken. Mit der Entfachung des „Ludwigfeuers“ erreicht die Ludwigsfeier ihren Höhepunkt. Ringsum auf den Berggipfeln leuchten ebenfalls Feuer auf. Während dann die letzten zuckenden Lichtflammen verlöschen, windet sich ein langer Zug von Fackelträgern vom Berg herab. In der Ortschaft warten die Dorfbewohner, die Gäste und Urlauber auf die „Feuermacher“ und die Musiker. Unter heimatlichen Klängen, frohen Weisen und flotten bayerischen Märchen bewegt sich der lange Zug dem Dorfe zu. In den Herzen der Bayern lebt ihr König, Ludwig II., weiter und er wird in .ganz Bayern und anderswo unvergessen bleiben! Wie stolz kann eigentlich das Land Bayern auf König Ludwig II. sein – es verdankt dem König eine Förderung seines Ansehens in der Welt. Und das königliche Haus Wittelsbach kann sich heute noch großer Zuneigung erfreuen nicht zuletzt durch das Wirken eines seiner Söhne: König Ludwig II. Copyright © Juli 2001 by Peter Glowasz Verlag, Berlin
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